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Sherko Fatah

Sherko Fatah

Ein Land mit jahrtausende­alter Geschichte, von Dschihadisten kontrolliert, die eine ganze Gesellschaft in Geiselhaft nehmen. Ein zivilisatorisches Endzeit­szenario. „Der letzte Ort“. So hat Sherko Fatah sein jüngstes Buch genannt. Es ist beklemmend aktuell.
Sherko Fatah gehört zu den interessantesten ­Grenzgängern der Gegenwartsliteratur. Die Ehrung des Autors mit dem Albert-von-Chamisso-Preis, jener Auszeichnung, die das Werk deutschsprachiger Autoren würdigt, welches im besonderen Maße vom Kulturwechsel geprägt ist, erschien deshalb als längst überfällig. Am 18. März wird ihm nun von der Akademie der Künste der Große Kulturpreis Berlin verliehen. 1964 als Sohn eines irakischen Kurden und einer deutschen Mutter in Ost-Berlin geboren, erzählt Fartah keineswegs wattierte Wohlfühlgeschichten. Vielmehr erweist sich der Schriftsteller, der 1975 mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin übersiedelte, als versierter Chronist des Chaos.
Denn Fatahs Protagonisten sind zumeist eigentümliche Transitfiguren, deren Grenzgänge sie in den zerstörerischen Sog entsicherter Weltverhältnisse ziehen. So erzählt „Das dunkle Schiff“ (2008) beispielsweise vom Koch Kerim, der am Ende seiner Odyssee nach Europa wieder von seiner Vergangenheit als Gotteskrieger eingeholt wird. „Ein weißes Land“ (2011) schildert anhand des jungen Anwar wiederum die unheilige Allianz des Osmanischen Reichs mit den Nationalsozialisten, welche den irakischen Tagelöhner schließlich in den Dienst einer ostturkmenischen Division der Waffen-SS geraten lässt.
Und auch im 2014 erschienenen Roman „Der letzte Ort“ illustriert Fatah eine Irrfahrt des Schreckens. Der gleichermaßen minimalistische wie ungemein dichte Text erzählt die Entführungsgeschichte des deutschen Journalisten Albert und seines arabischen Übersetzers Osama. Zusammen mit seinem Weggefährten wird der aus Karlshorst stammende Reporter, den eine Art postsozialistischer Abenteuermut in den Irak treibt, bei dem Versuch, über die geplünderten Kunstschätze Mesopotamiens zu berichten, von Islamisten verschleppt. Allein schon, dass Fatah hierbei en passant das grassierende Grabräubertum in der Levante verhandelt, macht den Roman bedrückend aktuell. Tauchte doch vor wenigen Tagen im Internet ein Video auf, das marodierende IS-Anhänger zeigt, die in einem Museum in Mossul assyrische Skulpturen von unschätzbarem Wert zerstörten.
In nuce schildert Fatah in „Der letzte Ort“ auch, wie eine ganze Gesellschaft von Gotteskriegern in Geiselhaft genommen wird. Im atmosphärischen Vexierspiel zwischen der klaustrophobischen Enge von Kellerlöchern und der erdrückenden Weite der Wüste entsteht so ein intellektueller Thriller, bei dem der Autor nicht nur den Leser, sondern buchstäblich auch seine Helden auf die Folter spannt.
Obschon Fatah hierbei auf gewaltpornografischen Voyeurismus verzichtet, gehen einem diese Misshandlungsszenen dennoch unter die Haut. Zeigen sie doch eindringlich, wie pure Angst zur letzten Gewissheit der eigenen Existenz wird. Bekannte Sherko Fatah jüngst in einem Interview, dass er für Syrien und den Irak wenig Hoffnung sehe, da er kaum glaube, „dass man diesen Scherbenhaufen wieder zusammensetzen kann“, so ist „Der letzte Ort“ auch in dieser Hinsicht alles andere als ein literarischer Mutmacher. Dafür aber ein fulminanter Roman, der in das Herz eines „failed state“ führt.

Text: Nils Marquardt

Foto: Jens Oellermann; Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Der letzte Ort von Sherko Fatah, Luchterhand, ?288 S., 19,99 Euro

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