Bücher

„Shit is Real“ von Aisha Franz

Es beginnt mit einer Trennung. Selma, die Protagonistin aus „Shit is Real“, wird verlassen – durcheinander und mit gebrochenem Herzen irrt sie durch ein imaginiertes Berlin. „Die Stadt ist vieles in einem. Ich zeichne nicht gerne echte Orte, weil ich eine universelle Stimmung anstrebe, aber es ist viel Berlin drin, oder zumindest die Idee davon“, sagt Aisha Franz. In ihrem dritten Comicbuch nimmt sie die Trennung zum Ausgangspunkt und doch geht es ihr weniger um eine klassische Beziehungsgeschichte als eher um eine Art zweites Coming-of-Age. Jene Lebensphase, in der viele Anfang-30er noch einmal die Orientierung über ihr Leben verlieren und darüber reflektieren, wie es weitergehen soll. Eine „zweite Pubertät“, wenn man so will.
„Meine Geschichten sind fiktiv, dabei aber doch sehr persönlich“, erklärt Franz, die selbst Anfang 30 ist, derzeit in Neukölln wohnt und dort auch ein Atelier hat. Nach den ersten Büchern „Alien“ und „Brigitte und der Perlenhort“ steht erneut eine Frau im Mittelpunkt ihrer Comic-Erzählung, die sich in einen Wirrwarr aus Entfremdung, Einsamkeit, Liebeskummer, Freundschaft und unerfüllten Sehnsüchten zurechtfinden muss. „Ich arbeite nicht mit einem feministischen Grundgedanken, aber für mich ist es ganz natürlich, dass ich eine Frau als Protagonistin wähle, weil ich mich mit ihr identifiziere“, beantwortet sie die geschlechterpolitische Frage nach ihrer Arbeit. Dabei unterstreicht sie, dass, obwohl Männer in ihren Comics oft schlecht wegkommen, sie eigentlich keine wirklich schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht hat. „Vielleicht habe ich einen unterbewussten Drang, die Perspektive der Frau zu unterstreichen“, sagt sie und lacht.
Dass Heimat, Identität und Entfremdung zentral für sie sind, ist kein Zufall. Franz wurde 1984 in Fürth geboren, ihre Eltern kamen aus Südamerika nach Deutschland und zogen viel um. Die Familie lebte in Nürnberg und Regensburg, später in Kassel, wo sie Abitur gemacht hat und an der Kunsthochschule bei Professor Hendrik Dorgathen Visuelle Kommunikation studierte. Mittlerweile hat sie dort selbst einen Lehrauftrag und bildet eine neue Generation von Comic-Zeichnern heran. „Heute interessieren sich die Studenten explizit für Comics. Als ich studiert habe, war ich Außenseiterin, weil ich Comics machen wollte“, beschreibt sie den Siegeszug von ?Comics an deutschen Universitäten.
Die Comic-Kultur entdeckte sie allerdings selbst erst als Studentin. Beeindruckt von US-Comic-Künstlern wie Daniel Clowes und Chris Ware suchte sie nach neuen grafischen Ausdrucksweisen und fand diese auf Festivals und in kleinen Publikationen und nicht zuletzt im Programm des Berliner Comicbuchverlags Reprodukt, wo auch ihre Bücher erscheinen.
Aisha Franz’ Stil ist einfach, fast kindlich. Früher habe  sie versucht, absichtlich hässlich zu zeichnen, gibt sie zu. Diesmal ist der Strich wieder simpel und minimalistisch und doch wirken die Bilder genauer ausgearbeitet. Die ersten Bleistiftskizzen wurden ausgetuscht und sie beschäftigte sich intensiver mit Panelaufteilungen und Layouts, durchbrach immer wieder das starre Kästchen-Muster.
Und immer wieder spielt sie mit Wirklichkeit und Surrealem – mal anekdotenhaft und mal verkopft erforscht sie so das flüchtige und sich stetig verändernde Wesen von Beziehungen, Freundschaften und Identitäten.
„Shit is Real“ ist eine Zustandsbeschreibung des ?urbanen Lebens, nicht nur, aber auch des in Berlin. „In der Großstadt neigt man stark dazu, sich nach neuen Identitäten umzuschauen, die man sich aus der Not heraus überstülpt, weil man vielleicht gerade nicht anderes mit sich anzufangen weiß“, sagt sie. Gezeichnete Zwischenphasen und Umbrüche über denen eine existenzielle Frage schwebt: Wer bin ich?

Text: Jacek Slaski

Foto: Aisha Franz/ Reprodukt

Shit is Real von Aisha Franz, ?Reprodukt, 300 S., 24 Euro

Buchpremiere:
Bibliothek Luisenbad, Travemünder Str. 2, Wedding, Do 28.4., 19.30 Uhr

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