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Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“

loewePhilosophen haben selten ein spannendes Leben. Sie sitzen ja meist über den Büchern, und Ereignisse sind für sie solche des Geistes. Wie man daraus trotzdem einen spannenden und letztlich sogar philosophischen Roman machen kann, das demonstriert Sibylle Lewitscharoff („Pong“, „Apostoloff“) mit „Blumenberg“. Sie geht dabei von Hans Blumenberg aus, von dessen umfangreichen Untersuchungen über „Arbeit am Mythos“ oder „Die Genesis der kopernikanischen Welt“ es manchmal heißt, sie wären so etwas wie „Begriffsromane“.

Blumenberg war einer der großen Einzelgänger der deutschen Nachkriegsphilosophie, eine Biographie gibt es bisher nicht. Dafür erscheinen laufend neue Texte aus dem Nachlass, denn Blumenberg hinterließ einen umfangreichen Zettelkasten. Sibylle Lewitscharoffs zentraler erzählerischer Einfall ist, dass sie dem Denker einen Löwen hinzugesellt, der in den nächtlichen Arbeitsstunden einfach daliegt, von dem aber eine große, rätselhafte Kraft ausgeht. Das gilt gleichermaßen für den Roman „Blumenberg“, in dem es nicht zuletzt um das Charisma eines akademischen Übervaters geht, der seine Wirkung auf die Studierenden in Münster im Jahr 1982 gar nicht bemerkt. Lewitscharoff erzählt nicht nur die Geschichte des Lehrers, sondern auch die einiger seiner Schüler, wodurch der Roman eine durchaus dramatische Komponente bekommt – eines der besten Kapitel spielt in einem Dorf am nächtlichen Amazonas.

Mit Fantasie und Witz versucht Lewitscharoff, sich von der Formulierungskunst von Blumenberg nicht einschüchtern zu lassen, sondern ihrerseits durch Erfindung und Nachempfindung etwas freizulegen, was auf dem Grund der dicken philosophischen Werke bisher eher schlummerte – ein ungewisses Wissen um die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, das sich trotzdem nicht davon abbringen lässt, darüber so viel wie möglich herausfinden zu wollen. Eine Idee vom „Privileg der Schwachen, Geschichten zu erzählen“ ist einer der letzten Gedanken Blumenbergs in diesem klugen Buch. Dieses Privileg hat im Grunde schon der Philosoph Hans Blumenberg für sich in Anspruch genommen, seine eigensinnige „Schülerin“ Sibylle Lewitscharoff setzt ihm nun ein hintersinniges und abgründiges Textdenkmal mit grandiosem Finale.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Daniel Scheack/pixelio.de

tip-Bewertung: Herausragend

Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“ Suhrkamp, 220 Seiten, 21,90 Ђ

Lesung Parochialkirche, Klosterstraße 67, Mitte, Fr 16.9., 20 Uhr

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