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„Skippy stirbt“ von Paul Murray

skippy_stirbtWie wenig ernst die Schüler den Unterricht von Howard Fallon nehmen, zeigen ihre Antworten auf seine Frage nach den Ländern, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren: „Die Juden?“, fragt Ultan O’Dowd. „Die Juden sind kein Land“, entgegnet der Lehrer dröge. Als jemand „Elfen?“ vorschlägt, bricht hysterisches Gelächter los.

Die Einfaltslosigkeit des Geschichtslehrers und das Desinteresse der Schüler verfliegen, als die attraktive Geografie-Vertretungslehrerin Aurelie McIntyre das Seabrook College betritt, an dem irischen Jungs der Weg ins Leben gewiesen wird: Die sind plötzlich ganz heiß auf die Entstehung eines Trogtals. Und auch Fallon gerät in Wallung.

Mit „Skippy stirbt“ fügt Paul Murray dem an bedeutenden Werken nicht armen Genre des Internats-Romans ein bewegendes Meisterwerk hinzu, das auf die bewährte Mischung aus pubertärem Mief und pädagogischer Gewalt vertraut. Der Roman, der das ganze Programm zwischen Onanie und Offenbarung enthält, liest sich über die ganze Länge von fast 800 Seiten extrem unterhaltsam.

Im Mittelpunkt steht der 14-jährige Daniel „Skippy“ Juster. Sein Ableben wird gleich auf den ersten Seiten abgehandelt – bei einem Wettessen in „Ed’s Doughnut House“, zu dem Skippy seinen Zimmergenossen Ruprecht Van Doren, das Mathe-Genie, eingeladen hat. Plötzlich kippt der Herausforderer vom Stuhl, malt noch „Lori“, den Namen seiner Angebeteten, in den auslaufenden Himbeersirup und klappt die Augen zu. Im Laufe der Lektüre, die lesefreundlich auf drei Bände im schmucken Schuber verteilt ist, lernen wir das Känguru und seine Freunde aus fast zwei Dutzend Perspektiven besser kennen. Und ihre Lehrer.

Debütiert hat der 35-jährige Ire 2003 mit dem Gesellschaftsromann „An Evening of Long Goodbyes“, der Geschichte des Lebemanns Charles Hythloday, der seine Tage damit verbringt, bei Cocktails Schwarz-Weiß-Filme anzuschauen – bis das Erbe verprasst ist und er die harte Realität des Lebens in Dublin zu spüren kriegt. Diesen Schritt haben die Seabrook-Schüler noch vor sich. Ihre zarte Realität heißt: Mädchen. Doch selbst beim Blick durchs Fernrohr schlagen die unnahbaren Wesen der benachbarten Schule St. Brigid’s jedes Trogtal.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

Paul Murray: „Skippy stirbt“, aus dem Englischen von Rudolf Hermstein und Martina Tichy, 782 Seiten, 26 Ђ

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