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Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf

Santa MonicaManchmal muss man weit gehen, um bei sich selbst anzukommen. Wie Christa Wolf. Jedes Mal, wenn sie vom Studium ihrer Stasi-Akten zurückkehrt, das „die Vergangenheit zersetzt und die Gegenwart gleich mit vergiftet“, muss sie duschen, sich umziehen. 1992 flieht die Grande Dame der DDR-Literatur „mit dem noch gültigen Pass eines nicht mehr existierenden Staates in die USA“. In Santa Monica holt sie während des Stipendiums die Gegenwart ein. Ihre „Täterakte“ wird von der Presse zerpflückt. Ihre Erzählung „Was bleibt?“ löst einen Literaturstreit aus.
Mit „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ blickt Christa Wolf nun zurück. Eine Art Tagebuchroman, heiter und schwermütig zugleich. Die Figuren seien erfunden, steht auf dem Deckblatt. Und doch gibt es sie alle im wirklichen Leben. Unter Depressionen und Schreibkrisen leidend, lernt die Autorin in Amerika eine neue Welt kennen. Die stockige, denunziatorische Atmosphäre der Bush-Ära, in der Linke und Liberale keine Chance haben, einen angemessenen Job zu finden, erinnert zwar an die DDR. Sonst aber genießt Wolf die amerikanische Leichtigkeit, findet sie „erholsam“.
Nicht ohne Humor entdeckt die Deutsche das ihr fremde Temperament. Passagen, die mit zu den stärksten gehören. Das war bei dem Erzählband „Mit anderem Blick“ (2005) schon so, der Auszüge aus dem neuen Roman enthielt. Nicht mehr derart ausgeprägt wie früher ist der typische Christa-Wolf-Sound. Als denke die Autorin nicht mehr an ihr Publikum, sondern nur noch an sich selbst. Schreiben als Akt der Befreiung.
Während der Lektüre von Brecht und Thomas Mann, die während des Weltkrieges mit vielen anderen Intellektuellen aus Deutschland in diesem „Weimar unter Palmen“ ausharrten, schweift Wolf in die Vergangenheit ab. Wie sie der Partei beitrat, vom Lehrer umworben, diesem Verräter, von dem später herauskommt, er sei Mitarbeiter des Goebbels-Ministeriums gewesen. Dann am 4. November 1989 die Rede auf dem Alexanderplatz, nach der sie in die Ambulanz eingeliefert wird. Herzrhythmusstörungen.
An alles kann sie sich erinnern. Nur an die Berichte nicht, die sie vor mehr als 30 Jahren als „IM Margarete“ für die Stasi anfertigte. Immer wieder klagt sie bei den Mitstipendiaten, wie sie das vergessen konnte. „Du hast niemandem geschadet“, entgegnen die. „Mir selbst“, antwortet sie.
Da bleibt nur der Mantel von Sigmund Freud, „der dich wärmt, aber auch verbirgt, und den man von innen nach außen wenden muss. Damit das Innere sichtbar wird“.

 

Text: Welf Grombacher

tip- Bewertung: Lesenswert

 

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Christa Wolf, Suhrkamp, 416 Seiten, 24,80 Ђ

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