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Stewart O\Nans „Emily, allein“

Für Emily Maxwell ist das Leben schon so gut wie gelaufen: ihr Mann Henry an Krebs gestorben, die Kinder Margaret und Kenneth aus dem Haus, nur der alte Hund Rufus noch als Gesellschaft. Zu den Ritualen, mit denen die Witwe ihren Alltag aufpeppt, gehören das Ausschneiden von Coupons aus der „Pittsburgh Post-Gazette“ und der Genuss klassischer Musik. Und die Hoffnung auf ein schönes Weihnachten: „Ich wünsche mir, dass die ganze Familie zusammenkommt.“

Doch als die knapp 80-Jährige sich von ihrer Schwägerin Arlene zum „Eat’n Park“ chauffieren lässt und diese am Schnäppchen-Büfett zusammenklappt, bekommt Emilys Lebensmut unerwartet neuen Auftrieb. Um die kranke Verwandte betreuen zu können, tauscht sie Henrys 25 Jahre alten Oldsmobile gegen einen kleinen Hybridwagen. So erfährt die Oma von vier Enkelkindern, dass man jederzeit am Steuerrad des Lebens selbst drehen kann.

Der gelernte Flugzeugingenieur Stewart O’Nan, seit knapp zwei Jahrzehnten als Schriftsteller tätig, hat bisher mit jedem Buch etwas Neues gewagt – sprachlich, thematisch oder in der Wahl des Genres. Neu ist diesmal, dass der US-Autor, der am 4. Februar 51 Jahre alt wird, in seinem zwölften Roman an ein früheres Buch anknüpft – den Roman „Abschied von Chautauqua“ (2002), in dem er die Familie Maxwell erstmals vorstellte.

Emily_alleinDie Rückbesinnung auf einen alten Stoff hat mit O’Nans Rückkehr in seine Geburtsstadt Pittsburgh zu tun. Nach Jahren des Landlebens in Avon, Connecticut, lebt der Familienvater seit drei Jahren wieder in Regent Square, einem Viertel der ehemaligen „Stahlhauptstadt der Welt“. Deren bauliche Veränderungen wie die Luxussanierung der alten Keksfabrik Nabisco hält er mit der gleichen Genauigkeit fest wie Emilys Hoffnungen und Ängste.
Verglichen mit dem frühen Roman „Die Speed Queen“ oder dem Sachbuch „Der Zirkusbrand“ liefert O’Nan hier keine heiße Story, dafür aber das berührende Porträt einer vereinsamten Frau. Zeitgleich zu diesem Buch des Innehaltens und Erinnerns, das der Vielschreiber seiner Mutter gewidmet hat, erscheint in den USA der Liebesroman „The Odds“. So etwas gab es aus O’Nans Feder bisher auch noch nicht.

Text: Reinhard Helling
Foto: Guenter Havlena/Pixelio
tip-Bewertung: Herausragend

Stewart O’Nan: „Emily, allein“
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel, Rowohlt, 384 Seiten, 19,95 €

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