Bücher

Tatort Schule: Krimis im Schulmilieu

„Draußen war es noch dunkel. Die Unbedarften und Ahnungslosen lagen in ihren Betten und schliefen dem Morgenrot entgegen. Aber das S.W.A.T.-Team war schon unterwegs.“ Wenn der Leser jetzt befürchtet, in Rob Alefs Krimi „Kleine Biester“ würden im Morgengrauen die Türen verdächtiger Subjekte eingetreten, hat er völlig recht.  Nur dass es sich bei der verdächtigen Person um eine ältere Dame handelt, die sich ihre karge Rente mit etwas aufbessert, worin wohl nur Kinderlose kein Verbrechen sehen: Sie nutzt ihre gute Wohnlage im Einzugsgebiet eines begehrten Gymnasiums, um gegen Geld Kinder bei sich anzumelden. Und ihnen somit einen Wettbewerbsvorteil im Rennen um die raren Plätze der Oberschule zu verschaffen. Und „S.W.A.T“ ist diesem Tatbestand entsprechend die Abkürzung für „Sechstklässler wechseln die Adresse zur Täuschung der Behörden“. Die dazugehörige Eingreiftruppe geht in dieser hochdrehenden Krimisatire also schonungslos genau gegen das vor, was Eltern im realen Leben vielleicht auch gerne auf die Weise bekämpft sehen würden.

Rob_AlefAlef schafft es aber, nicht nur in hohem Tempo die Absurditäten elterlichen Ehrgeizes zu sezieren, sondern auch Mitgefühl für Eltern und Kinder im Bildungswahn durchscheinen zu lassen. Und er kommt den Hintergründen dieses Wahns schon recht nahe, wenn er in einer ruhigeren Passage eine Alleinerziehende monologisieren lässt: „Es ist eine einzige pausenlose Angst. Angst, dass man sein Kind zu wenig liebt oder zu sehr. Dass man zu wenig liebevoll ist oder sein Kind nicht genug fordert. Dass man den Bedürfnissen nicht gerecht wird oder sich zum Sklaven eines Kindes macht. Dass ein Einzelkind ein Sozialidiot wird oder dass man Geschwisterkinder nicht ausreichend individuell fördert. Dass man sein Kind ungesund ernährt oder es an einem Karottenschnitz erstickt, den man in die Pausenbox gelegt hat.“ Dies treibt sicher auch Eltern in anderen Städten als Berlin und in anderen Stadtteilen als im hyperkorrekten Kreuzberg um – totzdem ist vieles an Alefs Roman durch und durch berlintypisch. Allein die karikaturhaft überzeichnete Situation am Kollwitzplatz, wo Kinder bei Alef „Notker-Frodo“ oder „Jöelle-Phoebe“ heißen, ist von großem Wiedererkennungswert.
Rob Alef ist neben Michael Marten und Nina Bußmann einer von drei Berliner Autoren, die gerade literarisch die Themen Schule, Bildung, Moral und Irrsinn aufgenommen haben. Und sein Beitrag ist sicher derjenige, der am wenigsten korrekt mit dem Thema umgeht. Immerhin sterben im Verlauf des Buches gleich mehrere Kinder, die auf der Nachrückerliste für ein Gymnasium stehen. Es ist aber auch ehrlicherweise das Buch, was am meisten Spaß macht.
Michael Martens Lehrerzimmergroteske „Drei Klausuren und ein Todesfall“ kann dagegen mit Insiderwissen punkten, der Mann ist selber Lehrer und hat das Buch in einem Sabbatjahr geschrieben. Auch er scheint dem Thema Schule und Bildung nur noch mit Satire beizukommen. Das hofft man jedenfalls, wenn man die Schilderungen aus den Tiefen eines Gymnasial-Lehrerzimmers liest. Denn auch wenn man Lehrern per se einiges unterstellen mag – was an Martens altsprachlicher Oberschule an Intrigen, Verleumdungen, amourösen Verwicklungen und Tätlichkeiten läuft, dürfte doch einen Tick zu weit gehen. Oder doch nicht? Der Leser wird jedenfalls nicht schlecht unterhalten mit dem Kampf um die Deutungshoheit in diesem speziellen Lehrerzimmer. Neben den Grabenkämpfen zwischen liberalen Sozialkundelehrern und ihren konservativen Geschichtskollegen ist auch sonst alles dabei, was das Leben in so einem Biotop anstrengend machen kann: Konkurrenz um Fachlehrerwürden, Verwirrung durch zu schöne Referendarinnen und ein selbstgefällig-eitler Direktor, der alle Konflikte seiner Schäfchen auszusitzen versucht. Mit was sich Lehrer untereinander so rumschlagen müssen, ohne dass Schüler überhaupt beteiligt sind, schildert Marten so: „Ein Lehrerzimmer-Lager war die Heimat der eher konservativen Richtung … Ihr Ziel bestand in der Verhinderung all dessen, was man Modernisierung hätte nennen können.“ Aber auch die anderen Lager sind nicht unbedingt sympathischer, tatsächlich muss der Leser ohne einen wirklichen angenehmen Menschen in diesem Buch auskommen. Man muss befürchten, dass es dieses Lehrerzimmer war, das den Autor zu seinem Sabbatjahr bewogen hat.
Eine Art Auszeit nimmt sich auch der Protagonist in Nina Bußmanns Roman „Große Ferien“. Und trotz aller Grotesken und Satiren in den zuvor vorgestellten Werken – dieses Buch ist auf seine leise Art dann doch das verstörendste der drei. Mögen bei Alef Kinder gemeuchelt werden und sich bei Marten die lieben Lehrerkollegen ins Verderben mobben – in Bußmanns hochgelobtem, aber sprödem Romandebüt wird auf stille Art ein nicht näher benanntes „Vorkommnis“ in einer Schule zwischen einem älteren Lehrer und einem talentierten, aber schwierigen Schüler aufgearbeitet. Die ganze Tragik eines einsamen Lehrerlebens wird da aus der Sicht des Verlorenen selber aufgefächert. Subtil und nie ehrverletzend seinem heiklen Berufsstand gegenüber zieht die Autorin den Leser in die Gedankenspirale des Kauzes hinein. Bußmann schreibt zum Beispiel: „Genügend Leute meinen, ein Lehrer arbeite nur den halben Tag, drei Monate im Jahr habe er frei. Sie wissen nicht, was anfällt, wenn einer seine Aufgabe ernst nimmt.“ Und das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, die Bußmanns Lehrer Schramm zu bewältigen hat. Dazu kommen ungeklärte Familienverhältnisse, unkollegiale Kollegen und ungelebte Liebesverhältnisse. Das ist nicht leicht zu lesen und schon gar kein Rock’n’Roll-Roman wie Rob Alefs „Kleine Biester“. Aber es ist ein Psychogramm, das nachhallt, gerade wegen Stellen wie dieser: „Ob einen das nicht schier in den Wahnsinn treibe, muss ein Lehrer sich fragen lassen, ob einen das nicht zu Tode langweile, Jahr für Jahr dieselben Sätze aufzusagen.“
Der Wahnsinn, der sich durch alle drei Bücher zieht, ist eine auffällige Gemeinsamkeit. Es wird seinen Grund haben, dass er sich als verbindendes Element ausgerechnet in Büchern finden lässt, die sich mit Schule und Bildung beschäftigen. 

Text: Iris Braun
Fotos: BerndKasper_pixelio, privat, 

Kleine Biester: Rob Alef, Rotbuch-Verlag, 349 S., 14,95 Ђ

Drei Klausuren und ein Todesfall: Michael Marten, Satyr Verlag, 206 S., 14,90 Ђ,
Buchpremiere und Lesung am Fr 27.7. um 19.30 Uhr im Buchbund, Sanderstraße 8, Neukölln

Große Ferien: Nina Bußmann, Suhrkamp, 200 S., 17,95 Ђ


STARTSEITE LESUNGEN UND BÜCHER

STARTSEITE BERLIN FÜR KIDS

Mehr über Cookies erfahren