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„Telegraph Avenue“ von Michael Chabon

telegraph_avenue„Ich hoffe, dass sich spätestens nach meinem dritten Roman niemand mehr dafür interessiert, wie alt ich bin und wie viel ich verdiene.“ Das sagte Michael Chabon 1988, als der Collegestudent mit „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ aus dem Nichts einen Bestseller landete. Er war erst 24, sah gut aus und bekam sensationelle 155?000 Dollar für die Geschichte von Art Bechstein, der in Kalifornien seinen Weg in die Erwachsenenwelt sucht und dabei dem stürmischen Arthur verfällt. Dieser Liaison ist es auch zuzuschreiben, dass Chabon – irrtümlich – beim Nachrichtenmagazin „Newsweek“ auf der Liste schwuler Autoren landete.

Seit 25 Jahren beweist Chabon Buch um Buch, dass er zu den vielseitigsten Autoren seiner Generation gehört. Sein neuer, siebter Roman spielt 2004 auf der titelgebenden Telegraph Avenue, die Berkeley mit Oakland verbindet. Dort haben der Schwarze Archy Stallings und der Jude Nathaniel Jaffe „Brokeland Records“ zu einem Spezialitätenladen in Sachen Vinyl aufgebaut. Bei ihnen treffen sich Leute mit Zeit und gutem Musikgeschmack.  

Trotz prall gefüllter Kisten mit Jazz-Raritäten – bei Spotify.com findet man die Playlist der 126 erwähnten Songs aus den 60er- und 70er-Jahren – läuft es für die Freunde nicht nur rund: Der geplante Mega-Store, den der schwerreiche schwarze Ex-Sportstar Gibson Goode ein paar Häuser weiter plant, könnte ihr Ende bedeuten. Sorgen machen ihnen auch ihre Frauen, beide Hebammen, sowie der Nachwuchs. „Vater zu sein war eine Verpflichtung, die mehr beinhaltete als Geld, Anwesenheit und Zeit, eine weder körperlich noch zeitlich messbare Präsenz: unbegrenzt, ewig und unsichtbar wie der Dienst der Schwerkraft an den Sternen.“

Weiterlesen: Diedrich Diederichsen untersucht in seinem neuen 500-Seiten-Buch „Über Pop-Musik“ den Sound des Kapitalismus.

Das ist mal anspruchsvoll und anspielungsreich, dann wieder überdreht und sentimental, aber immer kurzweilig – und zwar „vom Aufsetzen der Nadel bis zum Ende der Rille“, wie die schöne Widmung für seine Frau lautet.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

Michael Chabon: „Telegraph Avenue“ aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer, Kiepenheuer & Witsch, 592 Seiten, 24,99 Ђ

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