Bücher

Terror, Twin Towers und die Liebe zum Hund

Das 9. Internationale Literaturfestival Berlin präsentiert neue Bücher von Daniel Wroblewski,  Kamila Shamsie, Colum McCann, John Wray und Philippe Djian.  

shamsie
 
Nagasaki vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Angst vor der Atombombe. „Die Amerikaner werden nicht aufhören, bis wir alle Skelette sind“, raunen sich japanische Kinder zu. Krieg und später der Terrorismus stehen im Mittelpunkt von Kamila Shamsies Generationen übergreifendem Romanepos „Verglühte Schatten“, in dem die 32-jährige Paskistanerin die Lebensgeschichte der japanischen Migrantin Hiroko mit der Weltgeschichte der letzten 50 Jahre verknüpft. Hiroko und ihre Familie überleben die Bombe, die Abspaltung Britisch- Indiens 1947 in Pakistan und den „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan. Ihre Nachkommen bekämpfen den Kommunismus, werden als Berater privater Militärfirmen unerwartet zur Zielscheibe der CIA oder landen als Jugendliche, was Shamsie spannend erzählt, durch eine Verkettung blöder Mutproben in einem Terrorcamp. Wie Shamsie die Erzählfäden zusammenführt ist virtuos, nur gelegentlich erhält man den Eindruck, die Autorin möchte durch das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen – Hiroko verliebt sich in einen Deutschen, später in einen Inder –  möglichst viele exotisch-skurrile Situationen skizzieren.
 
Die Twin Towers werfen ihre langen Schatten, damals wie heute. 1974 lief der Artist Philippe Petite auf einem Seil zwischen den Türmen, ungesichert, 45 Minuten lang. In „Die grosse Welt“ erzählt der Ire Colum McCann von diesem außerordentlichen Tag, und wie ihn seine Protagonisten, zwei Brüder, der eine Hippie, der andere ein Priester, eine Hure und ein Richter, überstehen. Auf der Sinnebene geht es McCann wohl um den Wagemut, der zur Unsterblichkeit führt, um die Erinnerung an das World Trade Center und die Unbezwingbarkeit New Yorks. Erzwungen aber wirken die Zusammenhänge zwischen den über sich hinaus wachsenden Figuren, die Ähnlichkeiten zwischen Soldaten in Vietnam und dem Seiltänzer, zwischen dem Damals der Nixon-Ära und dem Heute einer orientierungslos wirkenden Nation: „Ein Mann hoch oben in der Luft, während ein Flugzeug scheinbar in das Gebäude fliegt. Ein kleiner Fetzen Geschichte trifft auf einen größeren“. Klar, irgendwie lassen sich Fetzen ja immer zusammenstricken. Und von tanzenden Straßenkindern zwischen Hydranten-Wasserfontänen möchte man eigentlich auch nie mehr was lesen.
 
In den Tiefen New Yorks, im U-Bahnsystem, spielt John Wrays „Retter der Welt“. Der schizophrene Teenager Lowboy, benannt nach seinen Stimmungstiefs und weil er Züge mag, ist aus der Klinik ausgebrochen. Lowboy glaubt, die Welt wird untergehen, er sucht seine Ex-Freundin, die er im Wahn einst auf das Gleis stieß. Ein Cop und seine Mutter wollen ihn aufhalten. In der Beschreibung der Wahrnehmungsstörungen brillant („Der Bahnsteig symmetrisch wie der Mond. Fliesen grün wie Wasser bei Flut und gelb wie Zähne“), enttäuscht die Geschichte darin, dass ihr Finale so vorhersehbar ist (bedauerlich, wenn man sich für das Schicksal der Figuren ebenso interessiert wie für den Erzählstil) wie die Annäherung zwischen dem kauzigen Kommissar und der mit Schuldgefühlen beladenen Mutter. Wrays Leistung ist die Schilderung der Schizophrenie aus der Sicht eines Kranken als etwas Erbarmungsloses, bisweilen sogar Tragikomisches. Menschen als Geiseln ihres limbischen Systems.
 
David Wroblewskis „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“, in den USA als „Hamlet im ländlichen Wisconsin“ beworben, ist ein grandioses Debüt. Es erzählt vom stummen Jungen Edgar auf einer Hundezuchtfarm, der Vater stirbt an Herzinfarkt, Edgar glaubt, der Onkel hat nachgeholfen. Während der den Betrieb (und Edgars Mutter) an sich reißt, flieht der Junge mit den Hunden in die Wälder. Weniger Rachegeschichte als die Coming-of-Age-Story eines 14-Jährigen, fokussiert Wroblewski auch auf die Psyche der eigentlichen Protagonisten: die Sawtelle-Hunde, denen Wroblewski menschliche Züge zuschreibt, ohne deren Treuherzigkeit zu verkitschen. Bei ihm sind es die Menschen, die man den Hunden passend machen sollte, nicht umgekehrt.      
 
In den Achtzigerjahren war Philippe Djian einer der Wenigen, die unpeinlich über Erotik schrieben. Mit nachlassender  Bedeutung schrieb er zuletzt Sexfranzosen б la Houellebeq hinterher. Dass Djian das eingesehen hat und mit seinem sechsbändigen Fortsetzungsroman „Doggy Bag“ in die Offensive geht (er nennt ihn „Soap Opera“) zeugt von Haltung. Diese Selbstentblößung verdient Respekt, außerdem ist die Geschichte von zwei Brüdern, in deren Stadt nach 20 Jahren jene Frau zurückkehrt, die sie beide verzweifelt liebten, echtes Trash-Vergnügen. Da gibt’s mit „bebenden Unterlippen“ Sex im Aufzug und werden schweißgetränkte Hemden des Geliebten 14 Tage lang unter Kopfkissen aufbewahrt. Da soll noch einer sagen, gute Literatur dürfe keine Herzscheiße sein.

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