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Thilo Sarrazin schafft sich ab – Teil 2

Sarrazins Hang zur Polemik hat es seinen Kritikern schon früher leicht gemacht, ihn für etwas plemplem zu halten. Was vom „Lettre“-Interview hängen blieb, waren nicht Sarrazins durchaus differenzierte Analysen, sondern sein Spruch von den türkischen Migranten, die „ständig neue Kopftuchmädchen“ produzierten. Genau so funktioniert die öffentliche Auseinandersetzung um Sarrazins Buch: Der Polit-Punk wirft ordentlich mit Reizvokabeln um sich und lässt die knackigsten Stellen in der „Bild“-Zeitung vorabdrucken: „Deutschland wird immer ärmer und dümmer!“. Damit ist der Ton der Debatte vorgegeben: Es geht um Krawall, nicht um zurechnungsfähige Analysen.

Zwei Beispiele für Sarrazins Zuspitzungsrhetorik: Nachvollziehbar, wenn auch politisch umstritten, ist die Forderung, Einwanderung auch unter ökonomischen Aspekten politisch zu steuern. Ebenso nachvollziehbar, wenn auch nicht politisch korrekt, ist ebenso die Frage, ob sich dieses Land einen Gefallen tut, wenn es weniger für inter­national umworbene Leistungsträger, Wissenschaftler, Hightech-Spezialisten und Hochbegabte (die gehen lieber in die USA) als für Ungebildetete (und potenzielle Sozialstaatskunden) als Einwan­derungsland attraktiv ist. Bei Sarrazin wird aus dieser nicht ganz unkomplizierten Debatte eine kühle Berechnung, die es nicht an Zynismus fehlen lässt: „Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die finanziellen und sozialen Kosten der muslimischen Einwanderung weitaus höher waren als der daraus fließende wirtschaftliche Ertrag.“ Dass die deutsche Wirtschaft die erste Generation türkischer Arbeitsmigranten ins Land geholt hat, damit sie hier die Schmutzarbeit machen, hat Sarrazin in seinem Kosten-Nutzen-Kalkül offenbar vergessen. Auch wenn die Frage, ob die Zuwanderung in die Sozialsysteme wünschenswert ist, politisch nicht besonders korrekt sein mag, ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen, genau wie die Forderung, hier lebende Ausländer sollten vielleicht die deutsche Sprache lernen. Sarrazins schneidiger Lösungsvorschlag am Beispiel des Nachzugs von Familienangehörigen: „Die sprachlichen Voraussetzungen für den Erwerb der Staatsbürgerschaft werden verschärft, die Anforderungen des Sprachtests bei Ehegattenzuzug erhöht. (…) Zuzug ist nur möglich, wenn der in Deutschland lebende Ehegatte in den vorangegangenen drei Jahren seinen Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme von Grundsicherung bestreiten konnte. Der zuziehende Ehegatte hat für zehn Jahre keinen Anspruch auf Grundsicherung.“  Hier spricht ein Kontrollfreak, der in Deutschland lebende Ausländer offenbar nur akzeptieren kann, wenn sie vor ihm stramm stehen.

Zweites Beispiel dafür, wie Sarrazin für echte Probleme wahnhaft anmutende Lösungen parat hält: Die Debatte, wie sich Schwarzarbeit von Leuten, die staatliche Transferzahlungen beziehen, vermeiden lässt und wie Leistungsempfänger der Gesellschaft mit gemein­nütziger Arbeit etwas zurückgeben können. Sarrazins Idee dazu: „Jeder Arbeitsfähige, der Unterstützung erhält, muss sich an gesetzlichen Arbeitstagen zur festgesetzten Uhrzeit dort einfinden, wo er eingeteilt ist.“ Warum nicht gleich Zwangsarbeit und Arbeitslager für Hartz-IV-Empfänger? Auch wenn Sarrazin gelegentlich die richtigen Fragen stellt, seine Lösungsvorschläge und polemischen Zuspitzungen sind so rüde, menschenverachtend und in Teilen rassistisch kontaminiert, dass er sich selbst disqualifiziert. So blockiert Sarrazin jede ernsthafte Diskussion um die Belastungsgrenzen des Sozialstaats und ungelöste Probleme des Einwanderungslandes Deutschland, wie sie etwa der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky oder die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig sehr viel seriöser immer wieder angestoßen haben.

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Text: Peter Laudenbach
Foto: Christian Schulz/Berliner Zeitung

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab.
DVA, 462 Seiten, 22,90 Ђ

 

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