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Thilo Sarrazin schafft sich ab

Das Problem mit Thilo Sarrazin ist, das man ihn nicht ganz ignorieren kann. Mit seinen Ausfällen gegen den politisch korrekten Common Sense trifft er immer mal wieder neuralgische Punkte. Natürlich hat er recht, wenn er im berühmt gewordenen Interview in der Kulturzeitschrift „Lettre International“ die Berliner Subventionsmentalität verhöhnt. Oder wenn er mit harten Zahlen im gleichen Interview die Integrationsleistungen, Bildungsanstrengungen und Aufstiegs­bemühungen von asiatischen Migranten mit denen von arabischen und türkischen vergleicht, was letzteren nicht zur Ehre gereicht. Als er noch Berliner Finanzsenator war, lag er nicht ganz daneben, als er von den Beziehern staatlicher Transferleistungen Eigenverantwortung einforderte. Und auch in seinem schon im Vorfeld von viel Skandal-Bohei begleiteten neuen Buch streift Sarrazin einige reale Probleme – von den Grenzen eines überdehnten Sozialstaats bis zu Perspektivlosigkeiten in verfestigten Unterschichtmilieus, deren von staatlichen Transferleistungen abhängigen Angehörige mangels Qualifikation, möglicherweise auch mangels Motivation nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar sind.

Ignorieren kann man Theo Sarrazin nicht. Aber ernst nehmen kann man ihn spätestens seit der Veröffentlichung seines jüngsten Buches („Deutschland schafft sich ab“) erst recht nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass er sich gelegentlich ein wenig im Tonfall vergreift.
Es liegt an Sarrazins Sozialdarwinismus, mit dem er Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit, Ethnie, Kultur und Intelligenzquotient konstruiert, um zum Schluss zu kommen, Unterschicht­angehörige und Muslime seien halt dümmer als ordentliche Deutsche aus der Mittelschicht. Das hat einen reichlich menschenverachtenden Beigeschmack. Vollends abstoßend wird es, wenn Sarrazin alarmistisch hochrechnet, dass schon in drei Generationen mehr Türken und andere Muslime als Deutsche in Deutschland leben könnten. Während Sarrazin die deutsche Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 20 Millionen schrumpfen sieht, hält er es für  „absolut realistisch, dass die muslimische Bevölkerung durch eine Kombination von hoher Geburtenraten und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen wachsen wird“. Drohend fügt er hinzu: „Viele Türken denken in solchen Kategorien“. Sarrazins Paranoia: „Es würde nur wenige Generationen dauern, bis wir zu Fremden im eigenen Land geworden sind.“ Von solchen Drohszenarien ist es nicht mehr weit bis zur Nazi-Parole „Deutschland den Deutschen“. Sarrazin muss sich nicht wundern, wenn sich jetzt NPD-Funktionäre über seine Polemiken freuen.

Der simple Gedanke, dass es an den Migranten wie an der deutschen Mehrheitsgesellschaft liegt, am Zugang zu Bildung und Aufstiegschancen zum Beispiel, ob die hier lebenden Migranten, welcher Religion auch immer, eine Bereicherung oder ein Problem für die deutsche Gesellschaft sind, passt nicht in die Horrorszenarien, die Sarrazin mit wohligem Gruseln malt. Wie möchte er Migranten der dritten, vierten, fünften Generation bitte von „echten“ Deutschen unterscheiden? Sein mechanisches Hochrechnen des Ist-Zustandes bei Geburtenraten unterschlägt, dass sich in der zweiten Migrantengeneration die Geburtsraten den deutschen Werten annähern. Seine Zuspitzung von Phänomen misslungener Integration, die es ja tatsächlich gibt, unterschlägt, dass Gesellschaften lernfähig sind. Sarrazins Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften, von der Gebärfreudigkeit bis zum Desinteresse an Bildung und beruflichem Aufstieg, die er ziemlich pauschal den muslimischen Zuwanderern unterstellt, ist pseudowissenschaftlich kaschierter Rassismus.

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