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Thomas Edlinger und Matthias Dusini über ihr Buch: „In Anführungszeichen“

Matthias_Dusini_Thomas_EdlingerHerr Dusini, Herr Edlinger, die Beschneidungsdebatte bewegt immer noch die Öffentlichkeit. Welche Haltung hat man dazu, wenn man ein Buch über Political Correctness geschrieben hat?
MATTHIAS DUSINI Die unglaubliche Wucht, die Form der Erregung und die übertriebene Parteinahme, die man da sieht, sind ein Kennzeichen für viele Themen, die mit politischer Korrektheit assoziiert sind. Das war auch jetzt in dieser Debatte um die Vorhaut, um die Beschneidung, feststellbar. Es sprechen Opfer­anwälte, Psychotherapeuten, Rabbiner, aber auch der Ehrenpräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, der die nur mögliche Androhung eines juristischen Verbots von Beschneidungen mit einem zweiten Holocaust vergleicht. Also, man hat wieder eine ganze Palette von Opfern, von realen Opfern, von gefühlten Opfern, von Opferstellvertretern.

Und wer hat recht?
DUSINI
Das zweite Kennzeichen solcher Debatten ist, ja, dass zwei legitime Ansprüche mitei­nander kollidieren, bei denen man nicht als Außenstehender sagen kann, der eine hat recht und der andere hat nicht recht. Viele Debatten zeichnen sich dadurch aus, dass beide recht haben: Auf der einen Seite gibt es den Anspruch auf körperliche Unversehrtheit und Autonomie. Auf der anderen Seite gibt es das Recht auf Ausübung eines religiösen Rituals, das in Deutschland, zumal vor dem Hintergrund der Historie, ein besonderes Maß an Legitimität genießt. An der Beschneidungsdiskussion lässt sich aber auch fast symptomatisch eine Ausweitung der PC-Debatte festmachen, die mit Fragen der Gruppen­identitäten begonnen hat, aber mittlerweile auch die Frage betrifft, wie jedes einzelne Individuum ein selbstbestimmtes, gutes bzw. korrektes Leben führen kann – esse ich Bio-Obst, trenne ich Müll, gehen meine Kinder in eine Eliteschule oder in eine, die auch Kinder mit Migrationshintergrund besuchen.    
THOMAS EDLINGER Allerdings kann man feststellen – und da genügt ein Blick in die Berliner Freibäder –, dass die selbst auferlegten Zumutungen bei Weitem diesen kleinen Eingriff übersteigen.

Sie meinen in Form von Piercings, Tattoos?
EDLINGER
Ja, die freiwilligen Selbstbeschneidungen des Individuums haben ein Ausmaß, das religiöse Rituale dem Einzelnen schwer abverlangen könnten. In unserem Buch geht es genau um diesen Übergang. Um die Frage: Was trat an die Stelle der alten Gebote und Verbote, der Moralthemen, die mit Vaterland und Familie und Religion verknüpft sind? Es ist eine neue, selbst auferlegte Moral, die einen zweischneidigen Befehl kennt, nämlich das Do-it-yourself. Es gibt einen Übergang von der Religion in eine Religion des Selbst. Dort spielen sich all diese Schlachten und Scharmützel, die Erregungen der politischen Korrektheit ab.    

Was ist mit den Opfern, die ihre Rechte einklagen?
EDLINGER
In unserem Begriff von Political Correctness geht es weniger um reale Opfer und ihre berechtigten oder politisch verhandelbaren Entschädigungsansprüche, sondern eher um gefühlte Opferpositionen, um symbolische Opferpositionen, um Fürsprecherpositionen. Also, man fühlt sich durch den Anblick von etwas beleidigt, verletzt, entwürdigt, diskriminiert, hat aber selber keinen sofort messbaren Schaden. Der Schaden  spielt sich eher in einem psychischen oder symbolischen Bereich ab. Dieser Aspekt interessiert uns sehr: Warum gibt es dort so ein Erregungspotenzial? Das war unser Ansatzpunkt. Frivol wird es bei eingebildeten Opferpositionen wie im Fall von Thilo Sarrazin, der sich als Tugendterror-Opfer inszeniert. Die Klage über den angeblichen Versuch, ihn zu zensieren oder gar mundtot zu machen, führt er in den auflagenstärksten Medien des Landes, und seine Samisdat-Bücher haben eine Millionenauflage.

Sie sprechen vom Glanz und vom Elend der Political Correctness. Was definiert das Elend Sarrazin?
EDLINGER
Die Sarrazin-Position ist natürlich perfide und bedient sich einer Opferrhetorik, die sie auf Kosten von realen Opfern instrumentalisiert und dann damit politisches Kleingeld macht. Wir haben das nur als Beispiel dafür genannt, wie attraktiv offensichtlich das Einnehmen von Opferpositionen im öffentlichen Diskurs geworden ist.

Inglorious_BasterdsUnd was wäre der Glanz?
DUSINI
Der Glanz der politischen Korrektheit ist ein großartiger. Die Debatten, Aktivismen und Kampagnen im Umfeld politisch korrekter Anliegen entwerfen so etwas wie einen utopischen Fluchtpunkt. Wir spitzen das – satirisch oder nicht – zu, indem wir die Political Correctness als eine Art von Kommunismus der Selbstachtung definieren. Das Elend liegt sicher – um einen zentralen Begriff aus dem Diskurs über das PC-Sprachspiel „Behinderungen“ zu verwenden – in den Barrieren am Weg zu dieser Utopie. Und da zeigt sich auch ein Kapitalismus des Opferwettstreits. Das Elend besteht eben nicht nur in den männlichen Unternehmensvorständen, die sich gegen Quotenregelungen aussprechen, es besteht nicht nur in rechtsradikalen Internetforen, die aus dem Begriff der Politischen Korrektheit einen Kampfbegriff gemacht haben. Das Elend von Political Correctness besteht auch in diesem Umkippen legitimer Wiedergutmachungsansprüche in eine Kultur der Wehleidigkeit, in eine Art von Alarmismus der gekränkten Befindlichkeiten.
EDLINGER Gegen diese Überidentifikation mit bestimmten Positionen würden wir ein gerüttelt Maß an Selbstentfremdung empfehlen. Also die Einsicht, dass man immer schon gespalten ist, dass man immer auch etwas Anderes ist als das, in dessen Namen man bestimmte Forderungen stellt.
DUSINI Eine gewisse Toleranz gegenüber Parallelgesellschaften, die nicht das eigene Selbst abbilden, hilft.

Das Buch verlässt immer wieder auch das, was man als angemessenen Ton erwartet, wenn Sie die Kämpfe um „moralische Kreditwürdigkeit“ beschreiben. Was hat diese Strategie für einen Hintergrund?
EDLINGER
Natürlich ist etwa das Thema Holocaust ein Minenfeld, wenn man darüber spricht, das ist ganz klar. Aber andererseits haben wir versucht, uns in diesem Minenfeld auch schon deshalb zu bewegen, weil es ja kulturell ununterbrochen bearbeitet wird. Heutzutage ist das Sprechen über den Holocaust ja selber so eine Art popkulturelle Angelegenheit geworden, ob man will oder nicht. Von Tarantinos „Inglourious Basterds“ über die Serie „Curb Your Enthusiasm“ bis zu Jane Korman, die dieses sehr umstrittene Auschwitz-Tanz-Disco-Video mit ihrem Vater gemacht hat. Das sind ja alles Formen, die existieren und über die gestritten wird. Darf man das, darf man es nicht machen? Fakt ist aber, dass es passiert, und dass es durchaus Gründe gibt, andere Sprechweisen im Bezug auf die prosperierende und oft auch fragwürdige Gedenkkultur zu entwickeln. Der Erfolg eines Pop-Rachemärchens а la Tarantino wäre 1950 in Deutschland jedenfalls nicht denkbar gewesen.
DUSINI Außerdem haben wir versucht, dieses Buch auch wie einen See zu gestalten, der verschiedene Temperaturzonen hat. Es gibt einen distanziert-ausgewogenen Teil, der eine ausgleichende Argumentation sucht, die mit reflexiver Distanziertheit arbeitet. Dann gibt es einen Teil, der eher in Erregungszusammenhänge hineingeht, geschrieben aus der fiktiven Sprecherposition eines kettenrauchenden, heterosexuellen Psychoanalytikers, der mit den Wildwüchsen der PC-Luxusmoral am Prenzlauer Berg wenig anzufangen weiß. Und dann gibt es als dritten Teil das Glossar, das noch mal das Thema des Humors aufgreift. Nicht nur das ernste Sprechen über politisch korrekte Themen, sondern auch der Humor stößt an seine Grenzen, wenn er versucht, bestimmte gesellschaftsrelevante Themen erschöpfend abzuhandeln. Das Glossar versucht noch mal, diesen Spagat einzufangen: zwischen Ernsthaftigkeit, Angemessenheit, Seriosität und dem stilistischen Wildwuchs der politischen Korrektheit: Gefühlsbetontheit, Erregung, Wut. Das Buch ist insofern auch ein bisschen ein stilistischer Bastard.

Dieses Glossar provoziert mit einer Liste aller möglichen Begriffe, von „Soft Storno“ („politisch korrekte Form der Beendigung von Liebesbeziehungen“) bis zur „Faschismuskeule“.
DUSINI Wir sind Österreicher, wir dürfen das.
EDLINGER Das Glossar versucht ja auch so eine Art Balanceakt. Und das, was eher sarkastisch betrachtet wird, sind ja vor allem Übertreibungen, vielleicht unangemessene Erregungspotenziale und Empörungsherde. An diesen Stellen haben wir dann versucht, eine Sprache zu finden, die diesen Phänomenen gerecht wird, ohne sich selbst dok­trinär zu verhärten. Eine der zentralen Stellen im Glossar ist der Eintrag, in dem wir den Humor selbst als schwer erziehbares Kind von Political Correctness bezeichnen. Wenn sein Umgang mit Political Correctness vernünftig ist, bekommt das schwer erziehbare Kind durchaus ein Lob. Es gibt aber auch die Momente, wo dieses schwer erziehbare Kind nur ins Reaktionäre kippt, und da ist dann auch der Humor mehr als problematisch.    

Interview: Robert Weixlbaumer
Foto: IngoPertramer/www.IngoPertramer.at, Francois Duhamel/2009 UniversalStudios

Matthias Dusini & Thomas Edlinger: „IN ANFÜHRUNGSZEICHEN – glanz und elend der political correctness“
Edition Suhrkamp, 297 Seiten, 16 Ђ

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