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Thomas Glavinics Roman „Das größere Wunder“

Grosses-Cover-397x648Der 1972 in Graz geborene Schriftsteller Thomas Glavinic weiß, was ihm gefällt. Seit seiner Kindheit hat er ein Faible für Spielfelder und bedeutende Spiele. Gemeint sind Fußball und Schach. Letzteres wurde dann auch gleich das beherrschende Thema seines ersten Romans „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ (1998). Ein trickreiches Buch in der Tradition Gustav Meyrinks und Stefan Zweigs, das Glavinic zwar nicht den großen Durchbruch bescherte, aber immerhin viel Lob. Mit seinem aktuellen Band „Das größere Wunder“ macht Glavinic einen weiten Schritt nach oben. Zumindest geografisch. Die als Entwicklungsroman angelegte Geschichte setzt am Mount Everest ein, über dem Unheil liegt und Tod und ein langer Fluss der Erinnerungen. Und diese Erinnerungen haben es in sich. Sie führen einmal um die Welt und hinein ins mirakulöse Leben des Protagonisten Jonas, der sich, Akt der Selbstfindung, am Berg abarbeitet. Ein Leben mit einer schweren Kindheit. Die Mutter trinkt, der Vater prügelt. Aber zum Glück ist da auch Werner, der Freund, und Picco. Picco ist Werners Opa, zwielichtig, einflussreich, vermögend, wie ein Mafiaboss.

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Dann aber stirbt Picco – und der Roman nimmt Fahrt auf. Jonas, der alles erbt, kennt nun kein Halten mehr, ist bald in Japan, bald im Jemen und in Buenos Aires, kauft ein, kauft auf, was ihm in die Quere kommt: eine Wohnung in Rom, ein Grundstück in Norwegen und schließlich sogar eine Insel im Indischen Ozean. Und zwischen all diesen Erlebnis-, Such- und Gipfelmomenten geht es auch um das Eine: die Liebe. Die Liebe in Gestalt von Marie. Hier hat der Roman seinen größten Sinn, entfaltet er seine stärksten Passagen. Ansonsten wirkt einiges in diesem opulenten Mountain- und Roadmovie der seelischen Selbstzermarterung reichlich verstiegen. Oder um es positiver zu formulieren: hollywoodreif inszeniert. Diese Ausschmückung wird dem einen schmecken, der andere wird sie als unnötigen Zierrat abtun. Auch der Existenzkampf am Mount Everest ist nicht frei von Längen, hält aber das eine oder andere große Bild bereit. Insgesamt und kurz und schmerzlos: ein experimentelles und abenteuerliches Buch.

Text: Andreas Burkhardt

tip-Bewertung: Annehmbar

Thomas Glavinic: „Das größere Wunder“ Hanser, 528 Seiten 22,90 Ђ

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