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Thomas Melle: „Sickster“

TankstelleDass die Irren die eigentlich Gesunden in einem irren System sind, ist eine der Lehrsätze der vorgestrigen Hipster-Ideologie, auf die Thomas Melle schon im Titel anspielt. Und genau darum geht es hier.

Melle, der in Bonn geboren wurde, in Berlin lebt, sich als Theaterautor einen Namen gemacht hat und nun seinen ersten Roman vorlegt, verfolgt drei Protagonisten durch ihre Tage und Nächte, die das Berlin der Neuen Mitte buchstäblich krank macht. Thorsten arbeitet in einem Erdölkonzern, Abteilung „Space Management“. Er sorgt sich um die suggestive Anordnung der Produkte in Tankstellen, auf dass sie noch mehr Profite generieren. „Warendruck“ ist sein Mantra, und den erfährt er am eigenen Leib. Er verfällt dem Suff, weil die Geschäfte nicht so laufen – und weil er womöglich selber an der Sinnhaftigkeit seines Tuns zweifelt. Auch Laura, seiner Freundin, stellt sich die Sinnfrage. Die Beziehung läuft leer, ihr Halbtagsjob in einem Callcenter höhlt sie aus, sie spürt sich nicht mehr und fängt an, sich selbst zu verletzen. Und schließlich ist da noch Magnus, der brillante Kopf und Artifex, der sich selbst eine große Karriere als Drehbuchautor vorausgesagt hat. Auch er scheitert an Berlin, verdingt sich mit „Worthurerei“ bei einem Firmenmagazin der Ölgesellschaft. Die Differenz zwischen den hehren Ansprüchen und der niederschmetternden Wirklichkeit bringt ihn schier um den Verstand. In der geschlossenen Abteilung der Charitй treffen sich die drei wieder und planen den großen Coup gegen das charakterverbiegende, nervenzerrüttende System – den Aufstand der Irren.

Ken Keseys Hippie-Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ könnte einem einfallen. Melle partizipiert hier noch einmal an dem alten gegenkulturellen Vorhaltungskatalog wider die Mainstream- und Konsensgesellschaft, reaktiviert ihn für die Jetztzeit. Und so ist „Sickster“ eine fast schon erwartbar trostlose Bestandsaufnahme der Berliner Republik. Eine ziemlich anstrengende überdies. Melle betreibt literarische Schwerathletik. Wie er die Wörter stemmt, das hat Mühe bereitet und Schweiß gekostet. Einem solchen sprachlichen Workout fehlt fast zwangsläufig die Leichtigkeit und stilistische Eleganz. Vor allem jene Passagen, in denen er dem Wahnsinn seiner Protagonisten in die hinterletzte Ecke des Gehirnkastens hinterherwankt, sind von erlesener Langeweile. Man bemerkt auf jeder Seite Melles durchaus beachtliche Fähigkeiten, noch deutlicher allerdings seine unmäßige Prätention.

Text: Frank Schäfer

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

tip-Bewertung: Zwiespältig

Thomas Melle: „Sickster“ Rowohlt, 336 Seiten, 19,95 Ђ

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