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Thomas Melles neuer Roman „3?000 Euro“

Thomas Melles neuer Roman

3000 Euro. Viel Geld. Aber nicht irreal viel. Diese Summe ist genau das: vorstellbar hoch. Man kann sie zusammenkriegen. Oder daran scheitern. So scheiden diese 3?000 Euro Schicksale. Soll oder Haben. Da ist Denise, Discounter-Kassiererin. New-York-Reisende im Traum, alleinerziehende Mutter im Leben. Eine Frau, die in einen Pornodreh geraten ist, für 3?000 Euro Gage, genau eigentlich 3?200. Geld, das doch längst auf ihrem Konto sein müsste. Die 3?200 New-York-Euro.
Und da ist Anton, der noch meinte, die Kontrolle über sein Leben zu haben, als die ihm längst außer Reichweite entglitt. Diesen einen Sommer lang. Als ihm in den Clubs, in den Kneipen alles egal war. Das blendende Abi, das geschmissene Jura-Studium. Eines Morgens „schien sein Hirn umgekippt zu sein wie ein vergifteter See“. Und jetzt will die Bank 3?000 Euro aus dem Dispo zurück.
Die Kasse eines Supermarkts. Dort kam Thomas Melle die Idee für die Figur der Denise. Ganz plötzlich. Aus dem Nichts. So erzählt es Melle, Berliner Schriftsteller, gebürtiger Bonner, Theaterautor, der in Neukölln wohnt. Wo es ihm, dem Enddreißiger, gerade zu anstrengend wird, Schöneberg wäre eine Alternative. An jener Kasse könnte sich jenes Szenario zusammengefügt haben, wie es Melle, mit seinem Romandebüt „Sickster“ vor zwei Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert, auf nur gut 200 Seiten im zweiten Roman „3?000 Euro“ konzentriert. Vor Denises Kasse steht eines Tages, mit Pfandflaschen, Anton.
Zwei Gezeichnete, die sich  dort treffen. Treffen müssen. Sonst könnten sie sich ja nicht erkennen. Sich einander zeigen. Ihre Wunden. Mit Preisschild drauf. 3?000 Euro.
An einem Dienstagabend – am nächsten Tag würde die Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis verkündet werden – ist es noch eine Stunde bis zu Melles Lesung im Literarischen Colloquium. Auf der langen Liste ist er wieder drauf. Zwei Romane, zwei Nominierungen. Muss man erst mal so bringen. Sollte ihn doch freuen. Oder? Ja, doch. Aber, fragt Melle dann zurück, dabei schiebt er die Zigarettenschachtel vor sich auf dem Tisch hin und her, wäre das Buch etwa ein Misserfolg, ohne diesen Platz auf der Longlist? Mitnichten.
„3?000 Euro“ ist ein Ereignis. Nein, eine Erfahrung. Wie  schon beim mit dem 2006er Bachmannpreis-Auftritt grundierten Erzähldebüt „Raumforderung“. Erst recht bei „Sickster“, über ein psychoabgewracktes Aufreißer-Manager-Arschloch und einen hadernden Kundenblatt-Schreiber: Begebenheiten aus der Kälte,  die keinen kaltlassen. Irre Fantasien.  Mit Sätzen, die mitten in die Fresse wollen.
Auch „3?000 Euro“ tut weh. Dabei fühlt sich die Schreibwut, dieser „rhetorische Amoklauf“ (Melle) nun gedrosselt an. Ganz bewusst. Melle sagt, diese Geschichte brauche das nicht. Wo wieder mentale Grenzgebiete beschritten werden: Selbstmordgedanken, Kindstötungsfantasien. Manische Momente auch.
Dieses tiefe Gefühl, dass Dinge entgleiten können.  Kennt er das auch persönlich? Es ist eine Frage, auf die Melle keine innerlich vorformatierten Satzbausteine abruft, sondern gedankenumherwälzend eine biografisch begründete Nähe zu psychischen Kippsituationen formuliert. Was mal autobiografisch sortiert werden soll, später. Dann muss er zur Lesung, der Saal ist voll. An diesem Abend  vor dem Morgen der Meldung, dass „3?000 Euro“ auf der Shortlist für den Buchpreis steht. Einmal erinnert sich Anton im Buch, dass man in seiner  Kindheit sagte, es würde blind machen, in die Sonne zu blicken.  Dann schaut er direkt hinein. „Er blickt, so lange er kann.“ So ist dieses Buch. Es leuchtet, es scheint, es glüht. Und es weiß um seine Finsternis

Text: Erik Heier

Foto: Karsten Thielker

Buchpreis: Sechs finalisten stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, Favoriten sind Lutz Seiler mit „Kruso“ und Thomas Hettche mit „Pfaueninsel“, Melle ist Außenseiter. Die Preisverleihung ist am 6.10. zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Römer.

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