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Thomas Wörtche: „Von Berlin-Krimis bin ich nicht so tief beeindruckt“

thomas_woertche_c_christine_fenzlHerr Wörtche, die letzte von Ihnen herausgegebene Krimi-Reihe trug den Namen „Metro“ und versammelte Werke aus fernen Ländern. Wofür steht nun „Penser Pulp“?
„Penser Pulp“ (penser: frz. für denken – Anm. d. Red.) steht für die Verbindung von Hoch- und Trivialkultur. Es ist zudem eine Mischreihe, die nicht nur fiktionale Texte versammelt. Da wird es eine Abhandlung über die Figur des Scharfschützen von Alf Mayer geben, sicher etwas über Murnau – reflektorische Texte, aber nicht im streng akademischen Sinn. Ich will mir keine Option zumachen, für den nächsten Herbst denke ich auch über Graphic Novels nach. Im Frühjahr werden wir einen relativ kurzen Text eines deutschen Autors machen, der wird ein kleineres Format bekommen. Damit möchten wir auch spielen. Unverwechselbar werden allerdings die Cover bleiben.

Sie eröffnen die Reihe mit dem elften Band von Jerome Charyns Reihe über den schrägen New Yorker Cop Isaac Sidel.
Charyn ist ein uralter Freund von mir, wir kennen uns seit den 80er-Jahren. Er hat in Deutschland eine unglückliche Publikationsgeschichte. Die Sidels kamen eher spät beim Rotbuch Verlag, der mittlerweile nur noch wenige fiktionale Titel verlegt, andere Bücher waren verstreut auf viele Verlage. Charyn besetzt den mythischen Ort New York und bietet unendlich viele Kontexte und Subtexte, in diesem Buch das Hotel Ansonia, das in der Geschichte der New Yorker Mafia eine wichtige Rolle spielt. Das kann man auch als literarisches Äquivalent dessen sehen, was die Fernsehserie „Boardwalk Empire“ für Atlantic City leistet.

Die zweite Neuerscheinung, „Der Marodeur von Oxford“ des Briten Gary Dexter …
… ist das erste Buch, das von ihm auf Deutsch herauskommt. Er parodiert psychoanalytische und sexualwissenschaftliche Theorien und besetzt ein Territorium, das gerade mit „Shades of Grey“ populär ist, aber auch den urbanen Raum London. Im Frühjahr kommt Nathan Larson, eigentlich Rockmusiker; seine Gattin ist die Leadsängerin der Cardigans. Der Roman spielt in einem Post-Doomsday New York, der Held ist ein neurotischer Cyborg-ähnlicher Held, der in der New York Library haust. Die weiteren Autoren gibt es ebenfalls noch nicht auf Deutsch.

Werden auch Berliner Autoren in der Reihe „Penser Pulp“ auf­tauchen?
Ich sehe mir gerade eine Autorin an, die ebenfalls in die Richtung Science Fiction geht. Von Berlin-Krimis bin ich nicht so tief beeindruckt. Das ist eine Welle wie alle Regionalkrimis. Jetzt ist Berlin halt auch Regio.

Der Diaphanes Verlag verlegt ja ansonsten eher Akademisches …
Einer der Macher hat mich, damals noch bei einem anderen Verlag, gefragt, ob ich eine Krimi-Reihe machen wollte. Das habe ich ihm seinerzeit ausgeredet. Dann sah ich die „booklet“-Reihe, die sich den bahnbrechenden amerikanischen Fernsehserien widmet, und die Bücher von Georges Perec im Programm. Der hatte ja auch das Drehbuch für Alain Corneaus Jim Thompson-Verfilmung „Serie Noire“ geschrieben, eine hübsche Querverbindung. Die Parallele zu „Metro“ ist der Anschluss an das Hauptprogramm. Es gibt eine Art von Literatur, die durch die Raster rutscht, die zumindest von unseren Hochliteraten nicht wahrgenommen wird. Deswegen verzichten wir auf dem Cover auch auf eine Etikettierung wie „Krimi“ oder „Thriller“.

Und beim Verlag findet man das in Ordnung?
Der Verlag ist sich dessen bewusst, dass dies kein Cashcow-Geschäft ist. Manche denken aber immer noch, Krimis seien eine Lizenz zum Gelddrucken. Das ist derzeit nur bei den Regional-Krimis der Fall. Die Reihe muss sich selber tragen, wird nicht querfinanziert durch andere Titel oder Reihen des Verlages. Einen langen Atem von mindestens drei Jahren muss man da schon ansetzen.

Interview: Frank Arnold

Foto: Christine Fenzl

Penser Pulp Jerome Charyn: „Unter dem Auge Gottes“, aus dem Englischen von Jürgen Bürger, 256 Seiten, 16,95 Ђ; Gary Dexter: „Der Marodeur von Oxford“, aus dem Englischen von Zoë Beck, 304 Seiten, 16,95 Ђ Beide erschienen – mit Nachworten von ­Thomas Wörtche – Ende September im ­Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin

Thomas Wörtche
Der Kritiker und Publizist beschäftigt sich mit fiktionalen „Crime Stories“ in Buch-, Film-, TV- und Musikform und ist mitverantwortlich für die Internetseite CulturMag.de, mit allsonnabendlich neuem CrimeMag

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