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Tilman Rammstedt: „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“

TilmannRammstedt-c_OliverWolffEine der Hauptfiguren in Tilman Ramm­stedts viertem Buch „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ ist Bruce Willis.  Genau. „Stirb langsam“, „Pulp Fiction“, „Das fünfte Element“. Na gut, auch „Color of Night“. Jedenfalls: eben der Bruce Willis.
Desweiteren ist eine Figur in diesem neuen Roman des Schriftstellers Tilman Rammstedt der Schriftsteller Tilman Rammstedt.
Dieser Schriftsteller schickt E-Mails an Bruce Wills. Viele E-Mails. Im Grunde besteht das Buch im Wesentlichen aus E-Mails. Dazwischen gibt es Passagen über seinen Bankberater, der die eigene Bank überfällt. Eine Mail geht so: „Genau genommen brauche ich Sie nur für ein paar Seiten des Romans, nur für eine Szene, eine einzige brenzliche Situation. […] Sie sollen in der Szene meinen Bankberater spielen. Er selbst ist, wie sich leider herausgestellt hat, für brenzliche Situationen nämlich völlig ungeeignet.“

Einmal schickt der Schriftsteller im Buch sogar seine Handynummer nach Los Angeles. Aber Bruce Willis antwortet einfach nicht.
Die Handynummer des Tilman Ramm­stedt im Buch ist übrigens tatsächlich die Nummer des Tilman Rammstedt, der ein Buch über den Schriftsteller Tilman Ramm­stedt, der ein Buch schreibt, geschrieben hat.
Nicht seine einzige verwegene Idee.
Also: Was ist nun irrsinniger? Oder ist das vielleicht alles irre sinnig?
Ein Cafй am Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg, ein Dienstagvormittag.  Tilman Ramm­stedt sitzt bei einem Kaffee mit dem Rücken zur Wand. Sein Jungengesicht wirkt an diesem Morgen ohne den Fünftagebart, der ihm sonst meist im Gesicht steht, sogar noch jünger, als es sein derzeit verstreichendes 38. Lebensjahr ohnehin vermuten lässt, was ihn wiederum aber nicht vor der Bezeichnung „junger Autor“ („Main-Post“) bewahrt.

Ramm­stedt müsste eigentlich tiefen­entspannt sein. Der kleine Sohn in der Kita, das Buch beim Verlag, pünktlich abgegeben, überpünktlich sogar. Obwohl der Erscheinungstermin vorverlegt wurde, immerhin um ganze vier Wochen, auf den 20. Oktober.
Dennoch rudert er beim Sprechen immer wieder fahrig mit dem linken Arm herum. Als ließen sich irgendwo in der Luft jene Formulierungen pflücken, die sich jetzt – es ist nämlich erst das zweite Interview zum Buch – nach und nach zusammenfügen.
Nun mutet es womöglich ein bisschen behämmert an, eine pünktliche Buchabgabe derart rauszustreichen. Aber man muss nur ein paar der Mythen um die mehrfach verschobene Abgabe seines Romans „Der Kaiser von China“ von 2008 kennen. Worüber ihm damals zum Beispiel der Schriftsteller Joachim Lottmann in einem grandios gaga geratenen Text in der „Welt“ eine Schreibtotalblockade in ihrer übelsten Erscheinungsform an den Hals fabulierte.

„Ich habe schon gern enge Deadlines“, so formuliert es Ramm­stedt. „Ich brauche einen äußeren Zwang, um die inneren Zweifel zum Schweigen zu bringen.“ Die Fertigstellung des „Kaisers“ wurde aber auch dadurch erschwert, dass der ohnehin bereits umfänglich geehrte gebürtige Bielefelder – unter anderem Open-Mike-Sieger, Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis – zuvor für das erste Kapitel den Bachmann-Preis abräumte.
Wenn nun Ramm­stedt sagt, dass er immer plane, „unverfilmbare Bücher zu schreiben“, ist der neue „Bankberater“ ein gutes Beispiel dafür: mit einem Schauspieler, der nicht mitspielt, aber via Adressierung omnipräsent ist. „Ich kann ein Buch mit ihm ohne ihn machen. Das geht nur in der Literatur.“

Wie sich auch der „Kaiser von China“ um eine China-Reise dreht, die nur in der Lüge wahr wird. Oder wie seine Band Fön, derzeit im Ruhemodus, nur aus einem Musiker (Bruno Franceschini) besteht, aber aus drei Schriftstellern: Rammstedt, Florian Werner, Michael Ebmeyer. Das macht alles Sinn.
Irgendwann fragt der Tilman Rammstedt im Buch, ob Bruce Wills ihn nicht auf Lesereise begleiten würde. Gute Idee eigentlich. So ganz prinzipiell. Der wahre Tilman Rammstedt im Cafй grinst: „Ich bin für alles offen. Er muss sich nur bei mir melden.“
Aber das hat ja schon mal nicht geklappt. Im weitesten Sinne.    

Text: Erik Heier
Foto: Oliver Wolff

Tilman Rammstedt: „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“
Dumont Buchverlag, 160 Seiten, 18,99 Ђ

Buchpremiere: 29.11., 20 Uhr in der Volksbühne

 

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