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Tim Raue über seine Autobiographie

tip: Herr Raue, Sie nehmen als Praktikanten in Ihrer Küche auch Jugendliche auf, die ähnlich wie Sie aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Kommt die Motivation dafür aus Ihrer eigenen Jugend?

Tim Raue: Natürlich. Wenn man bekommt, soll man auch geben. Das finde ich elementar. Mich interessieren bei Praktikanten keine Noten. Aber von zehn Bewerbern fallen acht schon beim Vorstellungsgespräch durch, weil ich Ordnung, Sauberkeit und Disziplin erwarte.

tip: Kommen die mit Ihrem Küchenregime klar?

Raue: Wenn du aus einem strukturschwachen Umfeld kommst, funktionieren Autoritäten nur so: Da ist einer, der etwas unglaublich gut kann. In der Küche muss das der sein, der oben steht. Das bin hier ich. Es ist sehr ähnlich zu dem, was sie vorher hatten. Nur dass von oben keine Gewalt kommt, sondern Wissen vermittelt wird.

tip: Und das reicht, sie auf den Weg zu bringen?

Raue: In Restaurants kommt der Belohnungseffekt unglaublich schnell. Da macht einer zum Beispiel ein Eis, dann kommt der Service und sagt: Das fanden die Gäste fantastisch.

tip: Und wenn es mies war, gibt’s gleich Ärger.

Raue: Ja. Das ist im Endeffekt auch genau das Problem mit jugendlichen Gewalttätern, warum so viele nicht nur einen, sondern zwei, drei, vier, fünf Vorfälle haben. Du hast keine direkte Reaktion. Es ist auch psychologisch wichtig, direkt zu belohnen, direkt zu bestrafen. Damit du sofort weißt: Wo geht es hin?

tip: Der 18-Jährige, der am U-Bahnhof Friedrichstraße mehrfach auf den Kopf seines Opfers trat, wurde nicht mal in U-Haft genommen.

Raue: Ich bin der Meinung, das ist das Fatalste. Den musst du einfach einsperren. Der ist 18, der ist volljährig. Dazu ist er intellektuell – er ist ja ein Gymnasiast – so weit, ob er nun Empathieprobleme hat oder nicht. Und dann muss man gucken: Ist er resozialisierbar oder nicht? Und wenn er das nicht ist, dann hat er in unserer Gesellschaft nichts verloren.

tip: In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie allerlei Schlägereien aus Ihrer Jugend. Können Sie sich in so einen Täter reinversetzen?

Raue: Nein, null. Aber ich kann ihn sehr gut analysieren. Das war gar keine Schlägerei im normalen Sinne. Der war sich selber nicht sicher. Der hat auf einmal gedacht: „Boah, ist das geil, was hab ich da gemacht?“ Das ist doch der Horror. Vor 20 Jahren gab es diese Formen von Gewalt unter uns nicht. Dieses blinde Zerstören: Ich will seinen Kopf zermantschen.

tip: Wo kommt diese Brutalität her?

Tim_RaueRaue: So ein Verhalten kann nur ausgelöst werden, wenn die Hemmschwelle enorm runtergesetzt wurde. Ich glaube, das ist durch das Fernsehen und ganz extrem durch Videospiele passiert. Sachen, die dermaßen gewaltverherrlichend sind, dass es abartig ist.

tip: Sie hatten niemals diesen Gewaltrausch?

Raue: Nein, das war eher Macht. Ich war, bis ich neun war, ein unglaublich liebenswerter und auch freundlicher Kerl. Dann bin ich zu meinem Vater gekommen, das erste Mal …

tip: … Ihre Eltern ließen sich früh scheiden …

Raue: … da gab’s direkt Prügel, bis zur Bewusstlosigkeit. Durch diese enorme Demütigung und Frustration fängt man an, sich abzukapseln. Und ich habe mich dann besonders stark gefühlt in einer Gruppe.

tip: Das waren die Kreuzberger 36 Boys. Eine in den 80er-, 90er-Jahren berüchtigte Gang.

Raue: Wir waren ja auf dieser amerikanischen Gang-Schiene. Wir haben dann die Giants oder die Black Panther gesucht und haben uns mit denen geprügelt. Auch mit Linken, wenn die in Kreuzberg zum 1. Mai Autos abgefackelt haben. Wer fährt denn dort BMW und Mercedes? Ali und Ahmet. Das Entscheidende war aber, dass wir uns immer Gleichgesinnte gesucht haben. Dass es Kämpfe auf Augenhöhe waren.

tip: Und da brannte nie eine Sicherung durch?

Raue: Du bist ja in dem Moment in der Gruppe, da schaltet sowieso eigentlich alles aus. Aber du weißt genau, was du machst. Der Junge in der U-Bahn, der wusste das nicht. Der war unter Drogen oder Alkohol, bei dem ist einfach die Sicherung rausgegangen. Jemand, der sich kontrolliert immer und immer wieder prügelt, geht damit ganz anders um.

tip: War das gerade eine Empfehlung, sich öfter zu prügeln, um seltener durchzudrehen?

Raue: Nein, die Empfehlung ist: Macht Kampfsport. Seid souverän, kontrolliert euch. Oder: Straßenseite wechseln. Mache ich heute auch so.

tip: Bei den 36 Boys waren Sie der einzige Deutsche. Was suchten Sie da überhaupt?

Raue: Zu der Zeit hatte ich nur die Möglichkeit, Opfer zu sein oder Täter.

tip: Gab es da wirklich nichts dazwischen?

Raue: Mit Sicherheit. Aber ich bin ein Mensch, der in Schwarz und Weiß lebt – oder gelebt hat. Ich war fast 15, ich war drei Jahre Opfer meines Vaters. Das hat gereicht. Und ich hatte genug Gewaltpotenzial. Und ich bin halt bei Schlägereien nicht in der zweiten, dritten Reihe gewesen. Ich stand ganz vorn.

tip: Sie haben sich als deutscher Jugendlicher sozusagen in die migrantische Mehrheitsgesellschaft in Kreuzberg integriert. Heute reden wir dort über Schulen mit 90-prozentigem Migrantenanteil. Vielen „Bio-Deutschen“ macht dieses Missverhältnis Angst.

Tim_RaueRaue: Ja, aber wir haben doch selber Schuld. Wir tun doch nichts für Integration. Wir müssen das doch als Gesellschaft vorleben.

tip: Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Raue: Ich war in Hessen auf der Schule, in Baden-Württemberg und in Berlin, ich habe in elf Schuljahren zehn Schulen geschafft. Aber ich habe nirgendwo – nirgendwo! – die deutsche Nationalhymne gelernt und nicht eine einzigste Unterrichtsstunde gehabt, wo unser Land positiv dargestellt wurde. Jetzt kommt eine Familie aus Anatolien, also nicht aus der modernen Türkei, hierher. Wie wollen wir sie denn integrieren, wenn wir den Stolz auf unser eigenes Land nicht weitergeben?  

tip: Haben Sie das damals ähnlich erlebt?

Raue: Ich bin mit Jungs aufgewachsen und Mädels, die gesehen haben, dass sie Bürger zweiter Klasse sind. Wenn sie in die Türkei gegangen sind, sind sie als Deutsche verspottet worden. Hier waren sie Türken, dort Deutsche. Wir müssen Ihnen eine Integration ermöglichen. Warum sind sie hier? Was ist hier besser? Was können wir ihnen geben?

tip: Integration muss man aber auch wollen.

Raue: Es ist ganz wichtig, sie ein Stück weit auch aufzuzwingen. Nehmen Sie Australien. Sie kommen dort an und kriegen einen Australier, der Sie drei Monate zu Ämtern begleitet. Sie haben aber die Pflicht, einen Sprachkurs zu absolvieren. Machen wir das? Nein. Und wer straffällig ist und nicht Teil des Landes, muss das Land verlassen. Wer in unserer Gesellschaft leben will, muss sie akzeptieren. Der muss Respekt und Grenzen kennen.

tip: Es gibt Sozialarbeiter, Anti-Gewalt-Kurse, alles Mögliche. Sie haben diese staatlichen Angebote damals aber nicht gebraucht.

Raue: Zum Thema Sozialarbeiter: ganz wichtig. Eine menschliche Bezugsperson fehlt ja oft in Neukölln, Kreuzberg oder Wedding, die dir eine Wertigkeit vermittelt. Und nicht die Werte deiner Kumpel, die sagen: Hey Alter, du hast drei Typen umgehauen und wir die anderen fünf, genial! Sondern die sagen: Tim, du bist ein supertalentierter Typ, du hast uns heute Rühreier gemacht, das war klasse. Anti-Gewalt-Training finde ich auch gut. Aber das bräuchten wir nicht, wenn wir klar sagen: Gewalt tolerieren wir nicht.

tip: Wie haben Sie Ihre Grenzen erfahren?

Raue: Kurz bevor ich meine Frau kennengelernt hab, bin ich auf einen getroffen, das war wirklich ein richtiges Tier. 1,90 Meter, 140 Kilogramm. Ich war nicht ganz nüchtern und habe provoziert. Der hat mir richtig in die Fresse gehauen, die Nase zertrümmert. Danach war mir einfach klar: Raue, du hast die Quittung gekriegt, du hast viel Scheiße gebaut. Und jetzt ist aber auch mal Feierabend.

tip: Sie schreiben ja, Ihr Lebens-Wendepunkt war, als Sie Ihre Frau Marie-Anne trafen.

Raue: Ich unterteile mein Leben in zwei Perioden, einmal bis 19 und dann ab 19. Dann kam meine Frau, die mich bedingungslos geliebt hat, ohne je zu fragen: Was hast du Böses gemacht? Die für Dinge, die dann auch in unserem Zusammensein passiert sind, mich nicht verurteilt hat, sondern wo wir darüber gesprochen haben: Warum bist du so aggressiv in der Küche? Und die das mit einer kleinen Kamera gefilmt und mir das gezeigt hat. Und wo ich dann dachte: Um Gottes Willen, was bin ich für ein Wichser gewesen.

Interview: Stefanie Dörre und Erik Heier

Foto: David von Becker

Tim Raue: „Ich weiß, Was Hunger ist. Von der Straßengang in die Sterneküche“ Mit Stefan Adrian, Piper, 288 Seiten, 19,95 Ђ

Buchpräsentation mit Tim Raue
Lehmanns Fachbuchhandlung, Hardenbergstraße 5, Charlottenburg, Mo 16.5., 20.30 Uhr

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