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Songcomic

Tocotronic-Songs als Comics: „Sie wollen uns erzählen“

Zehn Zeichner*innen von Jim Avignons bis Philipp Waechter adaptieren zehn Songs von Tocotronic als Comics. Herausgekommen ist das großartige Songcomic „Sie wollen uns erzählen“.

Tocotronics „Warte auf mich auf dem Grund des Swimming-Pools“ von Julia Bernhard. Foto: Ventil Verlag

Tocotronic-Songs wie „Kapitulation“ nun auch zum Lesen

An Tocotronic kommt niemand vorbei, ob man die 1993 in Hamburg gegründete Band mag oder nicht. Songs wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Kapitulation“ oder „Wir kommen um uns zu beschweren“ gehören zum Kanon einer ganzen Generation.

Entfremdung, Einsamkeit, Sinnsuche, Melancholie der mittelgroßen Stadt, die Träume und Abgründe der Adoleszenz und später intellektuelle Streifzüge in kulturelle Randbereiche, für all das fand Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow ins Ohr gehende Worte, die Werbeslogans ähnlich ins Bewusstsein drangen und den Blick auf die Welt prägten.

Prägten eine ganze Generation: Tocotronic 2002 in Berlin. Foto: Imago Images/Götz
Prägten eine ganze Generation: Tocotronic 2002 in Berlin (v.l.n.r.: Schlagzeuger Arne Zank, Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller). Foto: Imago Images/Götz

Bassist Jan Müller, Schlagzeuger Arne Zank und später Rick McPhail als zweiter Gitarrist lieferten die musikalische Entsprechung dazu. 
Anfangs ein an den Grunge aus Seattle angelehntes Gitarrengeschrammel, auf jüngeren Werken komplexer werdende Klangbilder, die versierte Pop-Autoren in Feuilletons sezierten.

Tocotronic-Werk: Von französischen Chansons-Comics inspiriert

Michael Büsselberg sah die Band erstmals 1995, folgte ihr und beschäftigte sich als DJ, Autor und Redakteur immer wieder mit dem Werk, der mittlerweile in Berlin lebenden Helden der Hamburger Schule. 2010 stieß er auf den Comic „Chansons de Jacques Dutronc en bandes dessinées“, in dem Zeichner aus Chansons des französischen Sängers Comics machten. Büsselberg war begeistert und wandte die Idee auf Tocotronic an.

Herausgekommen ist ein großartiger Band mit zehn Adaptionen von zehn Tocotronic-Titeln. Jim Avignons „Digital ist besser“ kommt als bunt-expressionistischer Streifzug daher. Tine Fetz hat „Der schönste Tag in meinem Leben“ als melancholischen Spaziergang in klaren Schwarz-Weiß-Bildern gezeichnet. „Aber hier leben, nein danke“ von Eva Feuchtner ist eine visuelle Impression aus Schwarz, Weiß und Orange und Philip Waechters „Electric Guitar“ eine im Stil von Underground-Comix gehaltene Coming-of-Age-Story.

Songcomics statt Musikvideos. Foto: Ventil Verlag
Songcomics statt Musikvideos. Foto: Ventil Verlag

Zu jedem Song hat Dirk von Lowtzow kurze Texte verfasst, die mal anekdotisch und mal reflektierend die Entstehungsgeschichte beschreiben und auch die Künstler geben Auskunft zu ihrem Verhältnis zur Band. Obwohl das viel klärt und man etwa das Geheimnis hinter „Digital ist besser“ erfährt – nein, es geht nicht um das Internet – sollte man „Sie wollen uns erzählen“ intuitiv anschauen. Einfach den jeweiligen Song anmachen und sich von Text und Musik durch die Bilder leiten lassen.  Jacek Slaski

  • Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics Jim Avignon, Tine Fetz, Anna Haifisch u.a., Liner Notes von Dirk von Lowtzow, Ventil Verlag, 124. S., 25 €

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