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Türkischer Verlag Binooki in Berlin

Wels_Buerhaniye„Ich gedenke, die Hölle mit Blumen zu bepflanzen.“ Das ist Alper Kamus Antwort auf die Frage, was er einmal werden will, wenn er groß ist. Denn Alper liest zwar leidenschaftlich gern Dostojewski und Nietzsche und ermittelt in einen Mordfall – doch ist er gerade erst fünf Jahre alt geworden.
Der junge Held des psychoanalytischen, subtil gesellschaftskritischen Krimis „Söhne und siechende Seelen“, der sich selbst wahlweise als Höllenknirps, wiedergeborener Rasputin oder Peter Pan aus dem Land der Alpträume beschreibt, ist in der Türkei längst eine Kultfigur. Sein Erfinder Alper Can?güz, 1969 in Istanbul geboren, gehört zu einer Gruppe junger türkischer Schriftsteller, die mit viel schwarzem Humor und großem literarischem Können die Verhältnisse in ihrem Land beschreiben.
Dass aber „Söhne und siechende Seelen“ überhaupt ins Deutsche übersetzt wurde, ist Selma Wels und Inci Bürhaniye zu verdanken. Die beiden in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Schwestern türkischer Eltern haben gemeinsam den neuen Binooki Verlag gegründet. Die Idee ist, türkische Gegenwartsliteratur und Erstübersetzungen türkischer Klassiker in Deutschland zu verlegen. Etwa zehn Titel wollen sie im Jahr herausbringen, gedruckt und als E-Books.
Dabei gilt das Motto: erlaubt ist, was gefällt. Die Schwestern wollen Bücher herausbringen, die sie selbst gern lesen, die Vielfalt, Aktualität und Originalität der türkischen Literatur und Gesellschaft widerspiegeln. Weit weg von Stereotypen und Klischees.

An einem Märztag sitzen sich Selma Wels und Inci Bürhaniye auf zwei Sesseln in ihren lichtdurchfluteten Kreuzberger Verlagsräumen gegenüber und erzählen von den Erfahrungen als Quereinsteiger in den Literaturbetrieb. „Wir haben keine Verlegertradition im Gepäck“, sagt Selma Wels. „Wir versuchen, nach relativ gesundem Verstand unsere Entscheidungen zu treffen. Manchmal verlassen wir uns auch einfach auf unser Bauchgefühl.“ Während die Betriebswirtin sich nun vollends dem Verlag widmet, arbeitet ihre Schwester nebenbei weiterhin als Rechtsanwältin. „Doch das hier ist die Arbeit, an der mein Herz hängt“, sagt Inci Bürhaniye.

Begonnen hat alles im November 2010, auf einer Buchmesse in Istanbul. Dort schwärmte Inci, die fließend türkisch schreibt und liest, ihrer jüngeren Schwester von den vielen aufregenden Büchern vor, die der türkische Literaturbetrieb zu bieten habe. Da Selma nur auf Deutsch liest, fragten sich die Schwestern, wieso in Deutschland scheinbar kaum jemand erfolgreich aktuelle türkische Literatur verlegt, abgesehen von den Büchern des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk. Kurzerhand beschlossen sie deshalb, die Sache einfach mal selbst in die Hand zu nehmen. Sie schrieben einen Businessplan, bekamen einen Bankkredit.  
Im März vergangenen Jahres waren sie noch Gäste auf der Leipziger Buchmesse – mit der vagen Hoffnung im Hinterkopf, dort beim nächsten Mal selbst einen Stand zu haben. Dann ging alles schneller als erwartet. Im April flogen sie nach Istanbul, um Lizenzen ihrer ausgewählten Bücher zu erwerben. Zu ihrer Überraschung rannten sie offene Türen bei den türkischen Verlegern  ein, machten sich auf die Suche nach guten Übersetzern, gründeten im Juni den Verlag. Im Februar 2012 dann ihr erster Titel: Oguz Atays Erzählband „Warten auf die Angst“, ein Klassiker der türkischen Literatur.

Seitdem ist es nicht ruhig geworden um Binooki. Kürzlich waren die Schwestern wieder auf der Leipziger Messe. Diesmal aber tatsächlich mit eigenem Stand – wo sie viel positives Feedback bekamen. Ende März saßen sie bei einem Gespräch um junge türkische Krimis beim türkischen Literaturfestival Dil Dile in der Volksbühne auf dem Podium – einen Tag, nachdem Alper Can?güz dort aufgetreten war. Der erste großer Verlagsauftritt. Und zwischendurch oft Interviews.
Viel Stress. Aber es ist guter Stress. Es geht voran bei dem neuen Berliner Verlag, der endlich auch deutschen Lesern ermöglicht, einen Einblick in die lebendige türkische Literaturszene zu gewinnen. Und Bekanntschaft mit Peter Pan aus dem Land der Alpträume zu machen.    

Text: Inga Barthels
Foto: Barbara Dietl


Binooki Verlag
Die Titel sind erhältlich in ausgewählten Buchhandlungen und unter www.binooki.com.

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