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Ulla Lenze

Ulla Lenze

Es ist grad eine anstrengende Phase, ja, schon.“ Ulla Lenze schmunzelt etwas. Im Februar ist ihr neuer Roman „Die endlose Stadt“ erschienen und nun muss sie, will sie damit unter Leute. Der kompletten Abschottung beim Schreiben, sogar das Telefon muss dabei ausgeschaltet sein, stehen Termine wie gerade die Leipziger Buchmesse gegenüber. Dort hatte sie an einem Tag drei Lesungen. „Der Kontrast ist zwar groß, aber wenn ich auf Leser treffe, fühle ich mich meist richtig beschenkt“, sagt sie.
Ulla Lenze –Berliner Schriftstellerin, 1973 in Mönchengladbach geboren, zum Studieren nach Köln gegangen und zum Schreiben an ferne Orte – ist eine literarische Weltenbummlerin. War auf Einladung des Goethe-Instituts Stadtschreiberin in Damaskus, schreibender Gast in der Künstlerresidenz Galata in Istanbul und lebte 2010 neun Monate als Writer-in-Residence in Mumbai. Zuletzt reiste sie mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einer Delegation aus Kulturschaffenden nach Delhi.
Steinmeier? Da war doch was. Ist nicht die Hauptfigur Holle auf den ersten Seiten von der „Endlosen Stadt“ mit dem Außenminister und Gefolge in Istanbul? „Ich schwöre, das Buch war schon fertig, als ich die Einladung bekam!“ Und da ist es, dieses klangvolle und ansteckende Lachen, das das Gespräch immer wieder angenehm unterbricht.
Worum es geht in der „Endlosen Stadt“? Es geht um Freiheit – ökonomische, künstlerische und zwischenmenschliche – und das Straucheln, wenn diese fehlt. Darin, zwei übereinandergelegten Dreiecken gleich, die Figuren – Künstlerin Holle, Christoph Wanka, der Kunst sammelnde Bauunternehmer, und Journalistin Theresa – und „ihre“, Ulla Lenzes, Städte: Istanbul, Hannover und Mumbai.
Worum es noch geht? Um den Moment, in dem man als Reisender – mehr noch als schreibender Reisender – im Angesicht großer Armut begreift, dass man sich weltpolitisch verorten muss. Ob man will oder nicht. Wie damit umgehen, dass man die Ausgebeuteten noch einmal mehr ausbeutet – als Material für Texte, für Kunst? „Diese Zusammenhänge wurden für mich erst mit meinem langen Aufenthalt 2010 in Mumbai zum Thema“, sagt sie. „Genau wie meine Protagonistinnen war ich gezwungen, mich zu den Widersprüchlichkeiten zu verhalten.“
Bei ihrer ersten Indien-Reise – einem Schüleraustausch – war sie 16. „Zu der Zeit habe ich Indien vor allem als mythologisches Land wahrgenommen, fast als Märchenland“, sagt sie. Auch ihr Debütroman „Schwester und Bruder“ von 2003 wird noch stark von diesem Staunen getragen, ist dabei aber frei von verklärender Indien-Folklore, vom allzu Erwartbaren. Genau dagegen schreibt sie an, gegen jenes sich nur selbst vergewissernde Bescheidwissen des Westlers in der Fremde.
Ulla Lenze spart in der „Endlosen Stadt“ Beschreibungen des Elends nicht aus. „Ich wollte aber keine pittoresken Slumtouren in meinem Buch“, sagt sie. „Ich habe immer versucht, das durch Selbstreflexionen der Figuren zu brechen.“ Dem Leser wird nicht ermöglicht, sich zurückzulehnen und sein Indien-Bild, sei es leuchtend bunt oder grotesk und trist, bestätigt zu sehen – auch nicht so kulturhegemoniale wie nichtssagende Vorstellungen wie die von Orient und Okzident.
Wenn sie sich entscheiden müsste, in welcher der beiden Städte sie leben dürfte – in Mumbai oder Istanbul –, Ulla Lenze würde Istanbul wählen. „Aber da gibt es ja wiederum diese Erdbebengefahr, die mir so Angst macht.“ Und sie lacht dabei, beinahe entschuldigend. 

Text: Andrea Hahn

Foto:
Julien Menand

Die endlose Stadt Frankfurter Verlagsanstalt, 314 S., 19,90 Euro?

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