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Ulrich Gutmair: „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende.“

Ulrich-GutmairDer Einstieg fällt schwer. In einem Club in einem Keller tropft Kondenswasser von der Decke, der Bass stampft, die Leute stehen rum oder tanzen – das hat man schon unzählige Male über Partys in Berlin gelesen. Nach den ersten zehn Seiten möchte man das Buch weglegen. Aber das sollte man nicht tun. „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“ ist weit mehr als ödes Gerede über Partys.

Der Journalist Ulrich Gutmair, 1968 in Dillingen an der Donau geboren, zog 1989 drei Wochen vor dem Mauerfall nach West-Berlin, um zu studieren. Er war dabei, auf einer der ersten Partys in der Ständigen Vertretung im Keller des Tacheles, hat nächtelang in den Bars der besetzten Häuser gehockt, und er hat die Veränderungen in den Neunzigern in Mitte, aber auch in anderen Bezirken Berlins miterlebt. Für sein Buch hat Gutmair sich auf die Suche nach den anderen gemacht, die dabei waren, die, mit denen er vor 20 Jahren gefeiert hat: zum Beispiel Ben de Biel, Anton Waldt, Mo Loschelder, aber auch Serdar Yildirim vom Kiosk an der Oranienburger Straße oder Jutta Weitz von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte und viele mehr. Für sie alle war Berlin und vor allem Mitte eine riesige Spielwiese, in der noch niemand die Regeln festgelegt hatte. Unendlicher Freiraum, unendliche Möglichkeiten – für ein paar Jahre gab es diese Utopie wirklich. Da sind sich alle einig. Damals, so die These von Gutmair, wurde der Grundstein für die Anziehungskraft gelegt, die Berlin heute hat. In Orten wie dem Tacheles, WMF, Friseur oder dem Obst?&?Gemüse fing das an, was heute im Berghain, im Kater Holzig und in vielen anderen Clubs, Bars und Galerien weitergeht. Dieses Gefühl von damals, aus der Zeit gefallen zu sein, unbegrenzte Freiheiten zu haben, gibt es noch immer. Die Nischen werden kleiner, aber deshalb kommen auch heute Leute aus aller Welt nach Berlin.

Gutmair ordnet die Erinnerungen in die politische und gesellschaftliche Geschichte der Stadt ein. So, als wären auch die Erinnerungen historische Fakten, als könne man die Nachwendezeit in Berlin und das heutige Berlin ohne das Lebensgefühl der 90er-Jahre nicht verstehen. Dieser Ansatz und nicht zuletzt die Lebensläufe der vielen Leute, mit denen Gutmair gesprochen hat, überzeugen. Und deshalb sollte man das Buch auch nicht nach den ersten Seiten weglegen.   

Text: Katharina Wagner
Cover: Klett Kotta
tip-Bewertung: Lesenswert

Ulrich Gutmair: „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende.“
Klett-Cotta, 256 Seiten, 17,95 Ђ

Buchpremiere
Cookies, Behrenstraße 55, Mitte, Eingang via Drayton Bar,
Di 4.6., 21 Uhr

 

 

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