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Ulrike Edschmid: „Das Verschwinden des Philip S.“

Edschmid_Ulrike(c)Sebastian_Edschmid„Mich hat das reale Leben in seiner Zufälligkeit immer enorm verblüfft“, sagt Ulrike ­Edschmid und erwähnt jenen Moment, als ihr Sohn Sebastian, heute ein renommierter Kameramann („Die Abenteuer des Huck Finn“), sich 1997 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie bewarb. Da hatte er in einer der Prüfungen den Film „Der einsame Wanderer“ zu analysieren, eine dffb-Produktion aus dem Jahr 1968, deren Regisseur der damals Dreijährige als den Lebensgefährten seiner Mutter kennengelernt hatte. Philip W. Sauber war zu diesem Zeitpunkt schon 22 Jahre tot, ums Leben gekommen bei einem Schusswechsel mit der Polizei 1975 auf einem Parkplatz in Köln – „der 26. Tote im bewaffneten Kampf gegen den faschistoiden Staatsapparat“, wie es in den entsprechenden Publikationen damals hieß.

Jetzt hat Ulrike Edschmid ihre damaligen Erfahrungen zu einem Buch verdichtet: „Das Verschwinden des Philip S.“ trägt zwar die Bezeichnung Roman, aber es ist eher ein Bericht, der Vergangenes lebendig werden lässt. „Wenn man schreibt, wird man an einer Ecke immer fiktiv, das ist gar nicht zu vermeiden. Es lässt einem mehr Spielraum“, sagt die 72-jährige Autorin, als sie mich zum Gespräch in ihrer Charlottenburger Altbauwohnung empfängt. Ihre Erinnerung, für die sie die Orte von einst wieder aufgesucht hat und Fotos angeschaut hat, soll dem Leser die Freiheit lassen, sich dazu verhalten zu können, es ist ganz und gar ihr Bild, was sie hier zeichnet, nicht flankiert durch Zeitzeugengespräche, nicht gestützt durch historische Recherchen, weder verklärt aus der Perspektive von heute noch analysiert aus ihr. Gerade in der genauen Beschreibung aber wirkt es der Mythenbildung und den verfestigten Begriffen entgegen.

„Grenzüberschreitung war damals ein Lebensprinzip“, sagt Ulrike Edschmid über die Generation der 68er. Das könnte man aber auch als Erkenntnisinteresse der Autorin formulieren, die in früheren Büchern ihrer unkonventionellen Mutter („Die Liebhaber meiner Mutter“, 2006), den Ehefrauen von Schriftstellern („Diesseits des Schreibtischs“, 1990) und zwei Frauen, die als Terroristinnen etikettiert wurden („Frau mit Waffe“, 1996), eine Stimme gab. „Das waren Annäherungen“, stimmt sie zu. „Ich habe mich erst mit anderen Leben beschäftigt. Aber mich hat immer das reale Leben mehr als die Fiktion interessiert, weil ich fand, dass das, was im realen Leben passiert, oft gar nicht vorstellbar ist.“ Unkonventionell wie diese Frauen war auch Sauber, das schwarze Schaf einer puritanischen Züricher Fabrikantenfamilie – vor der Enge zog er sich ins Künstlertum zurück und floh aus der spießigen Schweiz 1967 ins revoltierende Berlin. Man stellt ihn sich vor wie den Protagonisten von „Der einsame Wanderer“, mit seinem langen schwarzen Mantel zugleich auf der Höhe der Zeit und doch irgendwie aus dieser herausgefallen.

Er erweist sich als fürsorglich im Umgang mit dem Sohn, der nicht sein eigener Sohn ist, aber auch überhaupt gegenüber Kindern (man lese nur die Geschichte von dem kleinen Mädchen und ihrem abgetrennten Finger). Man begreift sein Engagement und auch, wie ihn bestimmte Erfahrungen zu einem Doppelleben und schließlich zum Abtauchen veranlassen. Fragen bleiben, aber auch das ist eine der Qualitäten des Buches. Für Ulrike Edschmid ist mit dieser Veröffentlichung ein Kapitel ihrer eigenen Geschichte abgeschlossen. Was nicht heißt, dass es sie nicht freut, dass das Buch als Katalysator funktioniert. Schon haben sich mehrere Menschen gemeldet, die Philip Sauber zu anderen Zeiten kannten und dem Bild etwas hinzufügen können. Dem Vergessen ist ein Ende gesetzt.

Text: Frank Arnold

Foto: Sebastian Edschmid

Ulrike Edschmid: „Das Verschwinden des Philip S.“ Suhrkamp, 157 Seiten, 15,95 Euro

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