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Ulrike Sterblich über ihr Buch „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“

Sterblich-16_c_OliverWolffFrau Sterblich, ihr Buch reiht sich ein in gleich mehrere Publikationen zum alten  West-Berlin. Lag das Thema jetzt einfach mal in der Luft?  
Ein gewisses Alter, also um die vierzig, geht eben auch mit einer verstärkten Jugenderinnerung einher. Dass man sich noch mal klar wird über bestimmte Entwicklungen und Linien, die man so verfolgt hat im Leben.  Nun weiß ich nicht, ob alle Autoren Anfang vierzig sind wie ich, aber in meinem Fall gab es eben auch noch eine gewisse Zeitgleichheit mit der Volljährigkeit und dem Mauerfall. Das ist eben eine Zeitspanne, die eine Erinnerung auch begünstigt.  

Nachdem zuletzt bereits die Subkultur der DDR erschöpfend dokumentiert wurde – mittlerweile scheint jeder Ost-Punk seine Sicht der Dinge aufgeschrieben zu haben – ist es ja auch nur gerecht, wenn man sich nun der anderen, auch nicht mehr existierenden Berliner Lebensform zuwendet.
Ja, aber auch hinsichtlich West-Berlins ist es manchmal fast schon zu Heldensagen gekommen, die sich in Rückbetrachtungen um gewisse Dinge aufbauen, und da wollte ich bewusst gegensteuern.  

Deshalb haben Sie statt der Subkultur lieber ihren damaligen Alltag beschrieben?
Schon auch. Es gibt eben sehr viel Informatives zu Phänomenen, aber die Alltagsperspektive einer Jugendlichen, die eben nicht bewusst nach West-Berlin gekommen ist, sondern eben da reingeboren wird in eine relativ normale Lebenssituation, die von der Subkultur als Kind gestreift wird und sich darauf einen Reim machen muss, die ist noch nicht beschrieben worden.

Sie zählen ja quasi zur Generation der Zuspätgekommenen.  
Genau. Eine Legende wie das „Risiko“, die hatte 1986 zugemacht. Da war ich 15 und natürlich nicht drin. Und auch als wir dann endlich in den „Dschungel“ gekommen sind,  sagten Szene-Protagonisten, der hätte doch längst schon seinen Zenit passiert. Aus diesem Zeitunterschied beschreibe ich die Stadt – wäre ich fünf Jahre älter gewesen, hätte das sicher ganz anders ausgesehen.

Und erschwerend hinzu kommt ihrem Buch zufolge auch noch ihre Stadtrandlage Alt-Mariendorf.
Ja, wir saßen da irgendwie am Rand. Aber uns gab es doch auch! Da bin ich in einem alten Stadtführer mal über eine Satz gestolpert: „Wenn man am Wochenende am Ku’damm ausgeht, dann muss man eben auch damit rechnen, dass dort die Stadtrandjugend in den Kinos sitzt und in die Diskotheken einfällt.“ Das fand ich total lustig, denn das waren wir halt. Wir waren halt die, die am Wochenende rumgenervt haben mit unserer Präsenz in unserer eigenen Stadt.   

Hat es eigentlich lange gebraucht, diese ganzen Erinnerungen wieder aufzurufen?  
Wenn man erst mal anfängt, dann kommt da immer mehr zurück. Stadtpläne, Literatur aus der Zeit, ich hab auch alte Tagebücher gelesen, aber die waren total nutzlos, weil ich nur völlig furchtbar Befindlichkeiten abgehandelt habe. Ich hätte mir gewünscht ganz anders Tagebuch geschrieben zu haben, auch mal konkret auf die Dinge eingegangen zu sein, die ich an einem Tag gemacht habe. So wie das heute eben ist: Man schreibt ja wahnsinnig viel auf Facebook, macht Tausende von Fotos, weil es einfach geht, man hat heute eine ganz andere Dokumentation seines Lebens.

Interview: Hagen Liebing

Foto: Oliver Wolff

Ulrike Sterblich: „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“, RoRoRo Taschenbuch, 364 Seiten, 9,99 Ђ

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