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Ursula Krechel: „Landgericht“

Landgericht„Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen verborgen“, lautete das Verdikt in den Nürnberger Prozessen 1947 gegen führende NS-Juristen. Es führt mitten hinein in den Roman „Landgericht“ der in Berlin lebenden Schriftstellerin Ursula Krechel. Hauptfigur ist der Jude Richard Kornitzer, der als Berliner Richter von den Nazis aus dem Amt getrieben wird und schließlich, seine Familie in Deutschland lassend, nach Kuba ins Exil flieht. 1947 kann er zurückkehren, nach zehn Jahren. Kornitzer will mitwirken am neuen Staat. Vor allem will er aber seine Familie zurück.
Wiedersehen am Bodensee. Ihm gegenüber am Bahnsteig in Lindau: seine Frau Claire. „Alles schwankte. Das Ankommen war eine Erschütterung wie das Weggehen.“ Das Paar arrangiert sich, obwohl nichts mehr so ist wie ehedem. Auch Nachkriegsdeutschland will von dem Heimkehrer, der hofft, wieder als Richter arbeiten zu können, nicht wirklich etwas wissen. Die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation bringt die Verhältnisse auf den Punkt: „Sie sind DP [= Displaced Person], Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft verloren.“

Auf Umwegen findet Kornitzer dann doch eine Anstellung in Mainz am Landgericht – und macht seine Erfahrungen. Mit Kollegen, die dem NS-Staat treu dienten und jetzt wieder ihre Karriere ungeniert fortsetzen. Mit neu aufkeimendem Antisemitismus. Mit Wiedergutmachungsansprüchen von „Opfern des Faschismus“, die nun, hässliche Groteske, von ehemaligen NS-Justizbeamten verhandelt werden. So packt Kornitzer die Wut.
Eindrucksvoll bis zur Provokation zeigt Krechel am Fall Kornitzer, für den es ein reales Vorbild gibt, wie abgründig die Gründungsjahre der Republik waren. Heute weiß man: Mehr als 100 braune Richter und Staatsanwälte kamen nach 1949 wieder in Amt und Würden. 80?000 Justizmorde aus der NS-Zeit blieben ungesühnt. Wahrlich: Abgründe.    

Text: Andreas Burkhardt
tip-Bewertung: Herausragend

Ursula Krechel: „Landgericht“
Jung und Jung, 494 Seiten, 29,90 Ђ

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