Buchmesse

Vive la France, vive la littérature!

Frankophone Bücher bilden den Schwerpunkt im literarischen Herbst, der dieses Jahr schon im Sommer beginnt – also jetzt. Ein Überblick

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Der literarische Herbst beginnt dieses Jahr im Sommer, also jetzt – und steht voll im Zeichen französischsprachiger Literatur. Rund 130 Autoren will Gastland Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober präsentieren, darunter nicht nur Franzosen sondern auch Schweizer, Belgier, Kanadier, Luxemburger sowie Schriftsteller aus Afrika, Asien und dem Maghreb. Deutsche Verlage ziehen kräftig nach – mit Gegenwartsliteratur und Klassikern. Bereits erschienen etwa sind der Baudelaire-Essayband „Wein und Haschisch“ (Manesse), der Schauerroman „Die Gebannte“ (Matthes & Seitz) von Jules Barbey d’Aurevilly – immer noch ein Geheimtipp – oder Johannes Willms große Biografie über den schillernden Revolutionsschriftsteller Mirabeau (Beck).

Die knapp 500 Übersetzungen, die erscheinen, ergeben eine ganze frankophone Literaturgeschichte. Den Anfang macht ein bei uns zu Unrecht eher Unbekannter: Pierre de Ronsard. Seine wunderschönen „Sonette für Hélène“ publiziert demnächst der Berliner Elfenbein Verlag und schließt damit seine zweisprachige Ronsard-Edition ab – ein Meilenstein französischer Lyrik, das 16. Jahrhundert wird heute noch „Siècle de Ronsard“ genannt. Im neuen Berliner Verlag Das kulturelle Gedächtnis erscheint die Tragödie „Der Fanatismus oder Mohammed“ des Aufklärers Voltaire. Das Stück erzählt von einem perfiden Plan des Propheten und Feldherren Mohammed, die Stadt Mekka zu erobern – an Brisanz und Aktualität bleibt da nichts zu wünschen übrig. Ohne Vergangenheit ist die Gegenwart nicht zu verstehen, das gilt auch für Literatur. Was allerdings das Genre Memoiren angeht, darf im Herbst der Voltaire-Antipode Rousseau einmal vergessen werden. Denn bei Galiani erscheint der so fulminante wie uferlose „Monsieur Nicolas“ des Romanciers Rétif de la Bretonne – großspurig angekündigt als „Knausgård des 18. Jahrhunderts“.

Neuübersetzungen von Flauberts berühmten „Drei Geschichten“ (Hanser) und Balzacs zwischen Atheismus und Spiritualismus zirkulierendem Roman „Ursule Mirouët“ (Matthes & Seitz) führen ins 19. Jahrhundert, von wo uns auch die Erstübersetzung des Künstlerromans „Manette Salomon“ der Brüder Goncourt (Andere Bibliothek) erwartet, nach denen Frankreichs wichtigster Literaturpreis benannt ist. Oft wird vergessen, welch immense Rolle die bildende Kunst im damaligen Frankreich spielte – die Brüder Goncourt erzählen entsprechend von fünf Pariser Malern und der Modell sitzenden, die Sinne vernebelnden Titelheldin. Das Künstlermilieu des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert spiegelt sich auch in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer erscheint jetzt in Broschur und der Übersetzer steuert ein Handbuch zu diesem Mammutwerk der Moderne bei (beides Reclam). Als wäre das nicht genug, dürfen sich Proustianer auch auf die Urfassung der „Recherche“ freuen: „Das Flimmern des Herzens“ (Andere Bibliothek).
Die Vergangenheit beschäftigt naturgemäß auch die Autoren der Gegenwart. Christophe Boltanski etwa, der in seinem Roman „Das Versteck“ (Hanser) von seiner jüdischen Familie erzählt. Eine Entdeckung.

Michel Houellebecq taucht gleich ganz „In Schopenhauers Gegenwart“ (Dumont) ab und ergründet nicht nur die pessimistische Weltsicht des Philosophen, sondern auch die eigene. Heutig, wenn auch keinesfalls optimistisch, erscheint Yasmina Rezas boshaft komischer Roman „Babylon“ (Hanser) über mörderische Abgründe in Beziehungen. Von Abgründen weiß auch die Franko-Marokkanerin Leïla Slimani in „Dann schlaf auch du“ (Luchterhand) zu erzählen. Der mit dem Prix Goncourt des Jahres 2016 ausgezeichnete Roman lässt sich auch als Warnung lesen, bei der Wahl einer „Nanny“ aufzupassen, wenn daraus kein Psychothriller werden soll. Es wimmelt vor vielversprechenden Titeln, Olivia Rosenthals soghafte „Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung“ (Matthes & Seitz) seien noch erwähnt. Größtes Highlight aber ist der neue Roman der in Berlin lebenden Autorin Marie Ndiaye. Urfranzösischer hätte die großartige Stilistin ihr Sujet nicht wählen können: „Die Chefin“ ist die Anti-Biografie einer französischen Sterne-Köchin.

Empfehlungen

Die Köchin von Marie Ndiaye, Suhrkamp, 333 S., 22 €

Das Versteck von Christophe Boltanski, Hanser, 320 S., 23 €

Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung von Olivia Rosenthal, Matthes & Seitz, 180 S., 20 €

Der Fanatismus oder Mohammed von Voltaire, Das kulturelle Gedächtnis, 176 S., 20 €

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