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Von allen Seiten: Alternativlos

ERIK HEIER
versucht sich in einem fikti­ven Dramolett die Beratung der Jury für das „Unwort des Jahres“ vorzustellen, das im Januar wieder gekürt wird

 

8. Januar 2011, irgendwo in Frankfurt/Main, bei der Jury für das „Unwort des Jahres 2010“, einen Tag nach dem Vorschlags-Einsendeschluss. Im Raum: der Sprachwissenschaftler und Jury-Chef Horst Dieter Schlosser, drei Kollegen, zwei Gäste, darunter Hellmuth Karasek. Ein Berg von gut 1?000 Zetteln auf dem Tisch. Karasek seufzt.
– Schlosser: „Wie viele Lehrer haben wir denn diesmal wieder dabei?“
– Karasek (genervt): „Wie, Lehrer?“
– Schlosser (zieht eine leicht vergilbte, an drei Seiten angeknabberte Illus­triertenseite heraus): „Hier, das hat der Stern mal behauptet. ,Als idealtypischen Schlosser-Zuträger darf man sich einen Leserbriefverfasser aus dem Lehrermilieu von Freiburg im Breisgau vorstellen.‘ Frechheit! Ich will höchstens 200 Lehrervorschläge im Topf.“
Ruth Fühner, Gastjurorin, Journalistin (schaufelt gut die Hälfte der Zettel vom Tisch): „So, das sollte reichen.“
– Schlosser: „Ich erinnere daran, dass wir zum 20. Mal unser Unwort küren. Das muss endlich mal richtig krachen.“
– Karasek: „Alternativlos.“
– Schlosser: „Sage ich doch, Hellmuth. Ein Kracher ist einfach alternativlos.“
– Karasek (irritiert): „Äh, das war ein Vorschlag. Alternativlos. Hört man doch jetzt dauernd. Politikersprech.“
– Schlosser: „Alternativlos? Nicht übel…“
Lange Pause. Leises Stöhnen.
– Fühner: „Spätrömische Dekadenz?“
– Schlosser (wirft mit Kreide): „Nein!!! Westerwelle kann keiner mehr hören.“
– Karasek: „Wohlstandsverwahrlost? Das hat diese Hegemann geschrieben.“
– Ungenannter Juror: „Nie gehört, das. Nehmen wir also auf. Hat eigentlich Sarrazin 2010 irgendwas verzapft?“
Betretenes Schweigen in der Runde.
– Karasek (wutbürgerlich): „WAS MACHE ICH HIER BLOSS? WAS?? WAS???


(erschienen im tip 2/2011)

Nachtrag: Am 18.1. gab die Gesellschaft für Sprache das „Unwort des Jahres 2010“ bekannt: „alternativlos„.

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