Bücher

Von allen Seiten: Da haut man eben drauf

ERIK HEIER
fragt sich, ob die scheinbare Verrohung der Jugend eines Tages auch wieder mal mit Büchern in Verbindung gebracht wird

Derzeit ist sehr viel von der Verrohung der Jugend die Rede. Was Gewaltfantasien und Beleidigungen alles mit ihr machen. Es gibt da ja diese Internetseite, auf der Schüler angeblich Klatsch verbreiten, in der Realität aber vor allem andere Schüler fertigmachen. Das weiß die breite Öffentlichkeit aber erst, seit ein 17-Jähriger von 20 Jugendlichen brutal zusammengeschlagen wurde, weil er einen Streit um seine Freundin schlichten wollte, die war auf der Seite niedergetextet worden. Es ist ja nicht falsch, dass diese jetzt auf den Index gesetzt wurde. Andererseits hat man in meiner Jugend auch nicht alle Klotüren vernagelt, damals das bevorzugte Medium für übelste Beschimpfungen. Beunruhigender finde ich aber, dass die reale Brutalität beinahe hinter dem Radau um das virtuelle Gepöble verschwindet. Ich meine: Hallo? 20 gegen einen??? Es ist natürlich Zufall, dass kurz davor der junge Grazer Schrifsteller Clemens J. Setz den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat, in dessen Werk „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ eine Frau sich in einem Menschenkäfig halten lässt, ein Schriftsteller eine Leiche unter seinem Schreibtisch arrangiert und auch sonst reichlich befremdliche Haudrauf-Effekte vorkommen. Setz’ Protagonisten entstammen dem akademischen Mittelstand. Die Klatsch-Internetseite wird gern von Gymnasiasten frequentiert. Hoffentlich liegt Setz’ Buch nicht irgendwann auf dem Nachttisch eines Brutaldeppen. Die Älteren erinnern sich vielleicht an die Hysterie um „American Psycho“. Weil es so leicht, so verdammt billig ist, einfache Gründe zu finden, wo man sich um komplexe soziale Ursachen sorgen müsste. Solche, die mehr kosten als ein Index.

(erschienen im tip 8/2011)

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