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Von allen Seiten: Deckel drauf

ERIK HEIER
findet Jahresrückblicke hochgradig behämmert und freut sich lieber auf das nächste Jahr

 

Kerner wäre sowieso schneller als ich gewesen. Der hat neulich als erster das alte Jahr bei Sat.1 rückblickend abgeheftet, da liegt noch fast ein Zwölftel von 2010 vor uns. Johannes Baptist K. würde sicher dumm aus der Quotendelle gucken, wenn morgen rauskäme, dass, ich fantasiere mal, nicht nur dieser FDP-Büroleiter den Amis die CDU-FDP-Koalitionsverhandlungsinterna gesteckt hat, sondern auch Guttenberg. Ich meine, jetzt mal ganz unter uns. Im lustigen Wikileaks-Bootleg kommt genau ein deutscher Regierungspolitiker leidlich gut weg: der Verteidigungsfreiherr mit der unkaputtbarsten Frisur seit Gerhard Stoltenberg. Aber Kerner hin, her oder weg: Jahresrückblicke sind nicht nur quasi systemimmanent öde und unerträglich heulsusig, sondern auch noch, wenn es hart kommt, mit Veronica Ferres (bei Kerner über den Sat.1-Film „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“, worin die Ferres, das wird jetzt viele überraschen, aber nicht den Marco spielt). So etwas kann man sich selbst gern wünschen, aber bitte niemand anderem. Deswegen verzichte ich jetzt auch darauf, Ihnen mein Buch des Jahres nachzuwerfen, die beklopptesten Literaturdebatten abzustauben oder mich und Sie damit zu peinigen, wieso ich auch 2010 nicht verstanden habe, was genau in Peter Handke vorgeht. Deckel drauf, und gut isses. Wenn 2010 vorbei ist, inte­ressiert mich persönlich mehr, was denn 2011 anliegt. Wie zum Beispiel Helmut Kraussers neues Buch wird, ob Markus Kavka in seinem Debütroman im Gegensatz zu manchen Ex-Musikfernsehkollegen seine Neurosen für sich behält oder was Heinz Strunk in Afrika anstellt. Vorfreuen ist besser als Nachheulen. Da bin ich gern Erster.


(erschienen im tip 26/2010)

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