Bücher

Von allen Seiten: Eine eigene Disziplin

ERIK HEIER
empfiehlt den genialen Beschimpfer Thomas Bernhard als Alternative zur ewigen Sarrazin-Daily-Soap

Die komische Daily Soap „Diese ­Sarrazins“ geht mir langsam auf den Wecker. Aber es hilft ja nichts, da kommt dauernd was nach. Klaus ­Wowereit schreibt jetzt zum Beispiel ein Gegen-Sarrazin-Buch über die neue Kernkompetenz seines ehemaligen ­Finanzsenators, „Mut zur Integration: Für ein neues Miteinander“. ­Wobei allein vom Titel her „Deutschland schafft sich ab“ mehr reinknallt, wenn man mich fragt. Bis auf weiteres ­behalte ich mir auch Zweifel vor, ob Herrn Sarrazins Gattin Ursula ihre neue Freizeit nicht doch noch zu ­einem eigenen Buchprojekt nutzt, dann vermutlich zur Bildungsmisere, auch wenn sie derlei mal dementiert hat. Es gibt aber dieses Zitat von ihr, „Ich führe schon lange Tagebuch“, das klingt irgendwie bedrohlich. Soweit ich verstanden habe, liegt Frau ­Sarrazin Disziplin sehr am Herzen, was prinzipiell nichts Schlechtes ist. Jemand, der bevorzugt die Leute wüst beschimpft und zudem mit Geld nicht gut umgehen kann, hätte in ihrem Klassenzimmer wahrscheinlich schon mehrfach Gesprächsregeln abschreiben dürfen („Wir hören einander zu. Wir warten, bis wir dran sind“). Wobei damit keineswegs ausgemacht ist, dass selbst aus solchen ungehobelten Kerlen, obendrein mit ­Migrationshintergrund, nicht doch noch was werden kann. Das sieht man unter anderem an einem in Holland geborenen Österreicher, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre: dem begna­deten Polemiker Thomas Bernhard. ­Aus seinen „Autobiografischen Schriften“, gerade als ­15-CD-Hörbuch erschienen, lesen übrigens am 8. Februar, 20 Uhr, Ulrich Matthes und Burghart Klaußner im Deutschen Theater. Da lernt man ­sicherlich mehr als bei diesen Sarrazins.

(erschienen im tip 4/2011)

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