Bücher

Von allen Seiten: Hasst ihr sie noch alle?

ERIK HEIER
fühlt sich bemüßigt, die Hauptstadt auch mal
gegen feindlich gesinnte Buchautoren zu verteidigen.

Es gibt ja neuerdings Hassbücher über fast alles: Lehrer, Autofahrer, Eltern, etc. Und es gibt Berlin-Hassbücher. Diese werden meist von Einwanderern verzapft, die aus idyllischen Ortschaften wie Köln, Frankfurt am Main oder Fußgängerzonenhausen rübergemacht haben, und zwar mit Umzugs­service und nicht im Gefangenentransport.
Beispielhaft taten sich dabei vor einigen Jahren Exilanten aus dem „FAS“-Feuilleton hervor. In „Hier spricht Berlin“ sehnten sie sich in dieser bösen, „barbarischen Stadt“ nach Sibirien, wobei man sich fragen kann, ob in der Taiga Dachgeschoss-Maisonetten mit Fischgrätenparkett überhaupt vorrätig sind.
Berlin gibt ein leichtes Hassobjekt ab. Das Beste ist, dass es sich nicht wehrt.
Wer ein Lehrerhasserbuch verfasst, muss einen Hausbesuch von der GEW einkalkulieren. Ein Anti-Islam-Werk ergibt gegebenenfalls ein paar Hundert aufgebrachte Bürger mit brennenden Fahnen auf dem Alex. Wer etwas gegen Thilo Sarrazin schreibt, kriegt gern mal anonyme Spammails von Irrleuchten, die sich sonst in den Kommentaren der kruden Webseite „Politically Incorrect“ auskotzen. Dagegen ist nicht überliefert, dass Klaus Wowereit im Berliner „FAS“-Büro vorstellig geworden wäre, um Claudius Seidl eine reinzuhauen. Ein Berlin-Hassbuch geht ganz ohne Mut. Billiges Missvergnügen.
Deshalb ahnten wir das Übliche, als „Das Buch für Berlinhasser“ von Falko Rademacher vom be.bra Verlag beim tip eintraf. Der Mann ist auch so ein Berliner mit Kölner Migrationshintergrund. Doch er schreibt alles andere als hasserfüllt. Böse, klar, aber prima recherchiert, solides Berlin-Grundwissen von Landowsky bis Currywurst. Der Untertitel heißt ja auch: „Fast eine Liebeserklärung“. Bitte, es geht doch.

Sie wollen dem Autor Ihre
Meinung sagen? Bitte sehr:
[email protected]

(erschienen im tip 19/2010)

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