Bücher

Von allen Seiten: Heute mal ein Goethe

Ich gehöre nicht zu den Journalisten, die glauben, ihre Texte hätten die Qualität wie die eines Franz Kafka, Ingo Schulze, Theodor Fontane oder Rainald Goetz. Zumindest würde ich das nie öffentlich behaupten, man kriegt da schnell so einen komischen Ruf. Aber eine von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eingerichtete Webseite bescheinigt mir das, „Ich schreibe wie…“ (http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx). Ich kann ja nichts dafür. Ein 27-jähriger Russe aus Montenegro hat einen Algorithmus programmiert und mit deutschsprachiger Literatur gefüttert. Text eintickern, Klick, Kafka.
Nun kenne ich mich mit Webseiten-Programmierung nicht so aus. Aber was da alles zusammenpasst: Ich weiß ja nicht. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, „Die Welt des Juan Carlos Onetti“: Goethe. Das geht noch. Aber dann. Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab“: Nietzsche (sozusagen: „Wenn du zum Migranten gehst, vergiss die Peitsche nicht“). Stephanie zu Guttenberg, „Schaut nicht weg!“: Fontane. „Gossen-Goethe“ Franz-Josef Wagner, „Post von Wagner“ („Bild“): wieder Nietzsche, manchmal auch, das ist leider kein Witz: Goethe. Und jetzt müssen Sie ganz tapfer sein. Tommy Jaud, „Resturlaub“: Max Frisch.
Man müsste trotzdem den Russen aus Montenegro mal anrufen. Ich würde nämlich eine Expansion in den nichtliterarischen Bereich anregen. Für Politiker und mehr. Das könnte so ausgehen. Buschkowsky: Sisyphos. Frank Steffel: Lothar Matthäus. Oder das Winterkonzept der S-Bahn, nach dem die Züge „auch unter schwierigsten Witterungsbedingungen zuverlässiger unterwegs sind als bisher“: Karl Dall.


Meinungen, Kritik, Anregungen:
[email protected]

(erschienen im tip 22/2010)

Mehr über Cookies erfahren