Bücher

Von allen Seiten: Horde des Schreckens

Wir schalten mal kurz um zu einem Hort der Verwahrlosung: in das Büro eines Hauptstadtjournalisten. Was da alles rumliegt: Bücherstapel, drei Regalmeter Herbstprogramme der Verlage, alte Kaffeetassen. Sogar, und jetzt wird’s richtig eklig: halbvollgeschriebene Notizblöcke. Es ist mein Büro. Diesen Text konnte ich auch erst anfangen, nachdem es mir gelungen war, die zu Flözen verklumpte Zigarettenasche aus der Tastatur zu meißeln. Vier besonders verklebte Buchstaben lassen sich nur noch unter Einsatz des vollen Körpergewichts betätigen, etwa das ääääää.
Verwahrlosung ist nämlich das Leitwort des gerade erschienenen, ziemlich aufgeregten Buches „Die Meinungsmacher“ der Hamburger Medienwissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert. Sie geißeln die „Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus“, was sich ja auch noch nie jemand so oder so ähnlich getraut hat. Nun ja, außer vielleicht Tissy Bruns, Tom Schimmeck, Lutz Hachmeister, Herlinde Koelbl etc.
Wir Hauptstadtschreiberlinge sind also eine Meute, eine Horde, Lemminge. Wir denken flach. Wir gucken bei Onlineportalen nach, was die „Alpha-Journalisten“ (Jörges! Schirrmacher!! Diekmann!!!) von sich geben. Das nehmen wir Beta-bis-Omega-Schreibern ihnen dann ab. Alles. Passenderweise präsentierte der Verlag Hoffmann und Campe das Buch kürzlich auch in einer abgerockten Hinterhofkaschemme namens Cafй Einstein. Dort grummelte zum Beispiel ein mies gelaunter Thomas Leif, SWR-Fernsehchefreporter und Vorsitzender des Netzwerk Recherche, von einer „steilen These, die junge Autoren generieren, um Aufmerksamkeit zu generieren“, was lustigerweise genau das ist, was diese den Hauptstadtjournalisten vorwerfen, während Senatssprecher Richard Meng Selbstkritik unter den Medienmachern vermisste und in der verkümmerten Politikvermittlung eine Gefahr für die Demokratie erkannte.
Deshalb möchte ich stellvertretend für meine verlotterte Branche ein Fanal setzen. Wer Schreibtische vermüllt, schreibt auch von Spiegel Online ab. Ich räume jetzt auf. Ich entwahrlose mich. Einer muss schließlich anfangen, die Demokratie zu retten.

(aus dem tip 14/2010)

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