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Von allen Seiten: Kirsten Heisig

Was, wenn es in Kirsten Heisigs Buch „Das Ende der Geduld“ nicht hier und da ein ­Detail, eine Zahl, einen Prozentwert, eine Einschätzung, eine Forderung gäbe, auf die sich dieser oder jener stürzen, sie anzweifeln, sie zerpflücken, sie als pauschal abtun könnte? Über die Frage etwa, wie hoch nun die Zahl der Intensivtäter tatsächlich ist und wer sie wie warum zählt. Oder ob ­minderjährige ­Drogenhändler allein aus Flüchtlingslagern in Nahost kommen oder doch vielleicht aus ­Berliner Familien stammen, die ­ihrerseits einst aus Nahost kamen.
Was, wenn wir uns weiter in Denkschablonen flüchten, die längst knirschen, aber davor ­bewahren, Zusammenhänge zu knüpfen, ­Tendenzen zu erkennen und nicht bloß Einzel­fälle wie den elfjährigen Dealer, der Heimluft wohl nicht gut verträgt und ­gerade viel Medienpräsenz genießt?
Was, wenn Kirsten Heisig, die langjährige Neuköllner Jugendrichterin, noch unter uns wäre, bereit, für ihre Thesen zu streiten, sie zu verteidigen, und sich nicht das Leben ­genommen hätte, aus offensichtlich privaten Gründen, die uns nichts anzugehen haben und die ich niemals und nirgendwo je in ­einer Zeitung lesen möchte?
Dann, ja dann wird vielleicht offenbar, dass Kirsten Heisigs Buch, das beileibe nicht nur die Kriminalität von Jugendlichen mit Migra­tionshintergrund thematisiert, sondern auch etwa linke und rechte Gewalt, Pflichtlektüre ist. Man muss nicht immer ihrer Meinung sein. Man sollte sie nur kennen.
So wird etwa beim Thema „Integrations­probleme“ aus den einzelnen Splittern – ­Intensivtäterkarrieren, das Versagen mancher ­Eltern, die Unterdrückung ihrer Töchter, die Unangreifbarkeit ihrer Söhne, zerrüttete Schul­karrieren – ein Gesamtbild, das beleuchten muss, wer wissen will, wo man ansetzen sollte. Oder wenigstens könnte.
Als beispielhaft für konsequente Bekämpfung von Strukturen nennt Kirsten Heisig die Eindämmung rechtsextremer Umtriebe ­etwa in Pankow in den 90er-Jahren. Von Pauschal­urteilen, die nicht hinnehmbar ­seien, sprach damals übrigens kaum einer.

(erschienen im tip 18/2010)

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