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Wahrheitssuche in Feuersäulen

Denis Johnsons großes Vietnamepos „Ein gerader Rauch“ erzählt davon, wie patriotische Amerikaner im Dschungelkampf ihren Glauben verlieren.

Ein Soldat schießt auf Bäume und glaubt, die Bäume schießen zurück. Er dreht durch. Ein G.I. in Vietnam, jenes unerklärliche Land, wo der Feind in Erdlöchern lebte und im Namen des Sieges seiner Kinder kämpfte. Wo Amerika sein Kriegstrauma erlebte und keine Chance hatte zu gewinnen.

In „Ein gerader Rauch“ erzählt Denis Johnson von todgeweihten Soldaten und Überläufern, die ihre Loyalität so oft wechseln, dass sie letztlich alles verraten, woran sie glauben. Johnson schreibt so mitreißend und seine Figuren sind derart vielschichtig, dass er es sich leisten kann, historische Ereignisse – JFK-Attentat, My Lai, Tet-Offensive – als Randnotizen zu behandeln. Das Leid der Welt spiegelt sich allein in Johnsons Protagonisten.

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Unter diesen Verlieren gibt es den übermächtigen Colonel Sands, der nie mehr in die USA zurück will („Was erwartet dich dort? Feinde, die Dir den Dolch in den Rücken stoßen, ein paar Zentimeter den Büroflur runter“); oder dessen Neffe im CI.A., dem weniger der Krieg zu schaffen macht als der einsame Tod seiner Mutter auf einer Krankentrage daheim im Mittleren Westen. Da gibt es den nordvietnamesischen Doppelagenten Trung, der am Verrat an zwei Ideologien zugrunde geht; die Fußsoldaten James und Bill, die das Töten als Befreiungsschlag gegen ihre christliche Mutter empfinden, für die ihre Söhne aufrechte Krieger sind in einer immer dunkler werdenden Welt.

Sie alle erledigen Aufträge für eine höhere Macht, dienstlicher oder spiritueller Art, die sie aber nicht verstehen. So wie die Operation „Gerader Rauch“: Ist sie ein Plan zur Kartierung der Vietcong-Tunnel? Oder Leitlicht zur Neuorientierung des Geheimdiensts, der bislang nicht Frieden stiftete, sondern Kriege legitimierte? Vielleicht steht der „Gerade Rauch“ auch für den Atompilz – die USA besiegte mit der Bombe bereits Hiroshima, warum nicht auch Hanoi.

„Wenn er nicht für uns arbeitet, arbeitet er gegen uns“, urteilt der Colonel über einen zweifelhaften Kollaborateur. Nicht die einzige Anspielung auf Paranoia und Anti-Terror-Doktrine der heutigen Zeit. Am Ende bedeuten Ideologien im Krieg nichts mehr. „Es ist einem egal, ob die Leute morgen leben oder sterben, es ist einem egal, ob man selber morgen lebt oder stirbt, man tritt nach den Kindern, man vögelt die Frauen, man knallt die Tiere ab“.


Denis Johnson, „Ein gerader Rauch“, Rowohlt, 928 Seiten, 24,90 Euro.

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