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Webcomics sind im Kommen

Webcomics sind im Kommen
Mit einem Schlag hatte Marc Seestaedt mehrere Millionen Leser mehr. Sein Webcomic-Projekt Lifestrips über das Leben in Berlin hatte er zunächst in seinem Blog veröffentlicht. Dann fragte das Berliner Fenster an. Und plötzlich begleiteten seine halbdokumentarischen ­Fotocomics die Berliner U-Bahn-Gäste durch das Wochenende. So eine Verbreitung hat sonst nur das Internet zu bieten. „Im Netz findet jeder seine Leserschaft“, sagt Seestaedt, „unabhängig von Verlagen und lokalen Geschmäckern.“
Auf den ersten Blick unterscheidet den Web- (oder Electro-)Comic vom Printcomic nur die Darreichungsform. Wie seine gedruckten Ver­wandten gibt es ihn als kurzen Strip, als Serie oder komplexe Erzählung. Dabei spielt keine Rolle, ob dieser zunächst für den Druck geschaffen und später zusätzlich im Web publiziert wird oder andersherum.
Als der amerikanische Genrevordenker Scott McCloud im Jahr 2001 seinen Sachcomic „Comics neu erfinden“ schrieb, war er beseelt von einer Aufbruchsstimmung. Die Digitalisierung schaffe ungeahnten Spielraum: Nicht weniger als eine Comic-Revolution sagte er voraus, eine „Kunstform jenseits unserer Vorstellungskraft“. Und tatsächlich wurde das technisch Machbare in vielen Experimenten ausgelotet. Es gibt interaktive Bildergeschichten wie die „Church Of Cointel“ von Hannes Niepold und Hans ­Wastlhuber, die die User selbst mitgestalten können. Die von McCloud gepriesene „unendliche Leinwand“ (Infinite Canvas) des Bildschirms löst den Comic aus der Begrenzung der Seitenformate. So tritt in der „Wormworld Saga“ von Daniel Lieske an­stelle des Blätterns ein kontinuierliches Scrolling. Und dann gibt es Comics mit Ton oder Animationselementen wie die „thunderpaw“-Abenteuer der US-amerikanischen Künstlerin Jen Lee. Die Grenzen zum Zeichentrick oder Spiel sind mitunter fließend.
Die in Berlin lebende Comic-Künstlerin Ulli Lust, die mit electrocomics.de einen eigenen Verlag für Internetcomics betreibt, sieht solche animierten Spielereien allerdings skeptisch. „Die erfolgreichsten Webcomics sind interessanterweise immer noch Comics in ihrer klassischen Form, ohne Ton, Animation, Interaktion.“ Und auch der enthusiastische Scott McCloud muss neun Jahre nach Erscheinen seines Textes zugeben, dass die große Revolution ausgeblieben ist. Die Mehrheit der heutigen im Netz erscheinenden Comics ist lediglich die digitalisierte Kopie ihrer papiernen Vorlage.
Punkten kann der Webcomic allerdings durch seinen niedrigschwelligen Zugang. Der schüchterne Leser muss sich in keinen Comicladen bemühen und der angehende Künstler kann sich ohne Risiko ausprobieren. Marc Seestaedt schätzt außerdem die Unmittelbarkeit, mit der man als Abonnent eines Comicblogs am Leben eines Künstlers teilhaben kann. „Zeitphänomene können viel besser aufgenommen werden.“ Seine Life-Strips sind übrigens mittlerweile auch in gedruckter Form erschienen (Jaja-Verlag). „Es ist keine Entscheidung dafür oder dagegen“, sagt er. Nur eine Spielart mehr.

Text:
Andrea Hahn

Foto:
Ulli Lust

Webcomics aus Berlin:

www.lifestrips.de
www.familienjuwelen.blogspot.de
www.katharinagreve.de
www.ullilust.de

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