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Weltmacht versus Ziegen

Telekinese und Blicke, die töten können – der Journalist Jon Ronson untersucht in „Durch die Wand“ die verrückten Ideen des US-Militärs seit dem Kalten Krieg bis Guantanamo.

Sie sahen aus wie Mönche und galten 1979 als das Nonplusultra des futuristischen Kämpfers: die Truppen des Ersten Erdbataillons (Abbildung). Ausgestattet mit Wünschelrouten, Ginsengregulatoren sowie Lämmern au ihren Schultern, die sie in fremden Ländern als Friedensangebot überbringen; Lautsprecher an der Uniform spielen dazu einheimische Musik ab. Aber aus den Plänen, die ein ehemaliger US-Army-Lieutenant und heutiger Schamane entwarf, wurde nichts. Auch nichts aus dem „Projekt Jedi“ – Superkrieger in Anlehnung an die Star-Wars-Magier, die durch Wände gehen oder Herzen durch Blickkontakt zum Stillstand bringen könnten.

ronson

Das Absurde daran ist, dass Abteilungen der US-Armee („Psy-Ops“) und der C.I.A. bis heute an der Verwirklichung übersinnlicher Fähigkeiten arbeiten. Der britische Journalist Jon Ronson (BBC) traf für seine Reportagensammlung (Ex-)Soldaten, Wissenschaftler und Militärberater. Er fand heraus, dass Labore existieren, in denen tödliche Blicke an Ziegen ausprobiert werden (Originaltitel des Buchs: „Men who stare at Goats“). Viele Angefragte zeigten ihm Pseudo-Snuff-Ziegenfilme oder brachen das Gespräch ab. Dass Ronson seine Misserfolge dokumentiert, manches selbst als unglaubwürdig einstuft, macht seinen Bericht nur noch lesenswerter.

Zwei gegensätzliche Forderungen bestimmen die Reportage: „Wir experimentieren nicht aneinander herum, nicht in unserer Kultur“ (L.A.-Police Department) und „Die Gedanken sind das große Schlachtfeld des Kalten Krieges, und wir müssen alles unternehmen, um auf diesem zu gewinnen“ (C.I.A.). Nun: Experimentiert wurde zuhauf. Und von der PSI-Aggression ließen sich laut Ronson auch die Gegner der USA anstecken. Panamas General Noriega etwa, der sich, von US-Truppen sowie Parapsychologen belagert, zur Fluchabwehr schwarze Bänder um die Fußgelenke band und Papierfetzen mit Namen der Gener in seine Schuhe legte.

Unbestritten bleibt, dass seit dem Kalten Krieg entworfene, zwar nicht übersinnliche, aber nicht minder bizarre bis grausame Techniken heute ihren Einsatz finden: Klebschaum, der nach Abschuss sofort gefriert und als unüberwindbar gelten sollte (der aber den somalischen Mob 1995 beim Angriff auf UN-Soldaten nicht stoppte) oder übelkeitserregender Infraschall (in der Testphase).

Manche Erfindung lässt sich von ihren Machern nur mit viel Zynismus ertragen. „Ob mir das Militär Tantiemen schuldet – weshalb nicht?“, sagt Christopher Cerf. Er ist Hauskomponist der „Sesamstraße“. Seine Lieder werden auch in Guantanamo gespielt – vor den Gefangenen. Als Folter in voller Lautstärke.

Jon Ronson, „Durch die Wand: Die US-Armee, absurde Experimente und der Krieg gegen den Terror“, Salis, 239 Seiten, 16,90 Euro. 

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