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Werden Comics in Deutschland unterschätzt?

Birte Wege

tip Werden in Deutschland Comics unterschätzt?
Birte Wege Ja, das ändert sich gerade. Dennoch gibt es noch Vorurteile. Übrigens nicht nur in Deutschland. In Frankreich ist das anders, aber auch in den USA gelten sie oft als Kinderkram.

tip In den USA, wo seltener zwischen Unterhaltung und Hochkultur getrennt wird?
Birte Wege Um die Jahrhundertwende gab es dort künstlerisch anspruchsvolle Strips wie „Yellow Kid“ oder „Katzenjammer“. Dem folgten in den Dreißigern die Comicmagazine mit den heute noch berühmten Superhelden und daneben ziemlich brutale Horror- und Science-Fiction-Serien. Das hat die Moral-Wächter auf den Plan gerufen, denn es wurde befürchtet, dass die Kinder verrohen. Von dieser Denkweise erholen die Amerikaner sich immer noch. Erst in den Achtzigern hat mit Art Spiegelmans „Maus“ ein Umdenkprozess angefangen.

tip Was war an „Maus“ so besonders?
Birte Wege „Maus“ ist einfach ein Meisterwerk. Das Thema, die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden, und eine krasse Metapher: Nazis sind Katzen, Mäuse sind Juden. Das hat Aufsehen erregt und anfänglich auch angeeckt, weil man den Holocaust nicht so darstellen dürfe. Aber wie kann man so ein unfassbar schreckliches Ereignis in der Kunst und Literatur bearbeiten? Diese Frage ist Bestandteil des Buchs. Es zeigt, dass Comics sich mit ernsten Themen durchaus auseinandersetzen können. Und so hat sie auch die akademische Welt entdeckt.

tip Es brauchte also dieses ernsten Themas?
Birte Wege Spiegelman bewies, dass man sich mit den Mitteln von Comics auch tiefer gehend mit Gewalt und Krieg auseinandersetzen kann. Ich glaube, die Zeit war reif für „Maus“.

tip Welche Nachfolger fand Spiegelman?
Birte Wege Joe Sacco gilt als Erfinder des Comic-Journalismus und hat viele Nachahmer. Dann jemand wie die Iranerin Marjane Satrapi mit „Persepolis“, die auch von „Maus“ beeinflusst wurde. Oder die sehr analytische Alison Bechdel.

tip Ergibt die Trennung von vermeintlich simplen Comics und komplexen Graphic Novels überhaupt Sinn?
Birte Wege Graphic Novel ist ein Marketingbegriff. Denn unter Comic stellt man sich Mickey Mouse und Superman vor. Graphic Novels lassen sich anders vermarkten. Der Begriff existiert seit den späten Siebzigern, seit Will Eisners Mietshausgeschichten „Ein Vertrag mit Gott“. Doch noch Spiegelman musste sich gegen manche Buchhändler wehren. Denn die wollten „Maus“ erst unter „Fiction“ in die Regale einsortieren. Sein Vorschlag war dann, eine eigene Kategorie zu schaffen. Sie sollte „Non-Fiction/Mice“ heißen, weil sein Buch einfach nirgends reinpasste. Heute fällt immer öfter der Begriff „Graphic Narrative“ – die grafische Erzählung.

tip Wie beurteilen Sie grafische Literaturadaptionen – etwa von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Melvilles „Moby Dick“?
Birte Wege Oder „Tristram Shandy“ und „The Waste Land“ in den Adaptionen von Martin Rowson. Diese Veröffentlichungen ermöglichen einen anderen Zugang. Der amerikanische Comictheoretiker Scott McCloud sagte mal, dass man sich durch den Blick auf die ganze Seite aktiver mit den Inhalten auseinandersetzt.

tip Und wie geht die Literaturwissenschaft mit dem Genre um?
Birte Wege Man sucht sich aus anderen Disziplinen den Sprachgebrauch, etwa aus den Filmwissenschaften. Doch Graphic Novels sind narrativ und daher kann man sich auch literaturwissenschaftlich mit ihnen auseinandersetzen. Der Comictheoretiker Ole Frahm behauptet, dass zwei Zeichen oft dasselbe sagen. Man sieht ein Panel mit Batman und Robin und der Text dazu sagt das, was das Panel dann auch zeigt. Sie sagen aber nie wirklich dasselbe. Dadurch entsteht die Spannung!

interview: Stefan Hochgesand

Foto:
David von Becker

Weiterlesen:

Maus von Art Spiegelman, Fischer, 300 S., 14,95 Euro
Persepolis von Marjane Satrapi, Ed. Moderne, 356 S., 25 Euro
Fun Home von Alison Bechdel, KiWi, 240 S., 19,95 Euro
Ein Vertrag mit Gott von Will Eisner, Süddeutsche Zeitung, 528 S., 37,80 Euro

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