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Westbam vs. Flake

Westbam vs. Flake

Ein Cafй am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Westbam ist zuerst da. Als Flake kommt, diskutieren beide sofort über ihre  Autobiografien. Was man über wen wie schrei­ben dürfe. Persönlichkeits­rechte. Es geht um Debatten mit Lektoren, Unkenntlichmachung von unerfreulichen Geschäfts­partnern (Flake), einen notgedrungen erfundenen DJ (Westbam). „Literarische Freiheit“, wie es Westbam nennt.

tip Kennt ihr beide euch eigentlich?
Christian „Flake“ Lorenz?Aus dem Kindergarten. Also: Nicht wir kennen uns, aber unsere Kinder sich.

tip Westbam, du hast aber vor einiger Zeit mal einen Remix von einem Rammstein-Song gemacht, von „Links 2-3-4“. Hat dich Rammsteins Anfrage überrascht?
Maximilian Lenz aka Westbam Ich habe immer Spaß, mit möglichst vielen verschiedenen Leuten zu arbeiten. Wir haben ja auch beide beim selben Label angefangen.
Christian „Flake“ Lorenz, du warst auch bei Motor?
Westbam?Ja, bis 1996. Bei Motor habe ich auch zum ersten Mal gehört (mit dröhnender Stimme und rollendem R): „Hört mal, wir haben hier einen neuen Act: Rammstein!“

tip Ihr wart beide als Teenager Punk. Flake in Berlin, Westbam in Münster. Und jetzt wohnt ihr beide in Prenzlauer Berg.
Westbam Punks of Prenzlauer Berg! Das verbindet natürlich. (lacht)

tip Punks in Ost- und West-Berlin!
Westbam?In Münster gab es zwei Punks, da war das eine Sensation. Dann stand ich mit 15 das erste Mal auf dem Ku’damm. Und die Omas würdigten mich keines Blickes. Das war mein erster Eindruck von Berlin: Wow, hier scheinen wirklich alle cool zu sein.
Christian „Flake“ Lorenz Wenn man sich im Osten entschieden hatte, Punk zu sein, hieß das: Man kam in keinen Club und keine Gaststätte mehr rein. Wir haben uns in Wohnungen, auf Dächern, an der Straßen­ecke getroffen. Oder bei den Blues-Leuten in den Kirchen zur Blues-Messe. Und die Assi-Punks saßen am Kulturpark. Dann wussten die Skinheads auch gleich, wo sie hingehen mussten, wenn sie sich mal prügeln wollten.

tip Aber es gab den Franken, wie man in deinem Buch nachlesen kann. Immerhin.
Christian „Flake“ Lorenz?Eigentlich eine Blues-Kneipe, Borsig-, Ecke Novalis­straße. Da wurden auch Punks bedient. Mehr konnte man als Punk nicht erreichen, als dass man ein Bier gekriegt hat.
Westbam?Damals hat man ja von einer Welt geträumt, in der alle nur noch Punks sind. Es gab Punkfilme wie „Jubilee“ (Regie: Derek Jarman, 1978, Anm. d. Red.): Endzeitstimmung mit Abbruchhäusern, wo nur noch Punks durch die Ruinen liefen. Da kam West-Berlin doch schon recht nahe ran. Jedenfalls näher als Münster.

tip Flake, du hast in der DDR unter anderem bei der Band Feeling B gespielt. Ihr durftet kurz vor dem Mauerfall in West-Berlin auftreten. Der tip nannte euch damals „Honeckers Höllenhunde“.
Christian „Flake“ Lorenz Der tip hat aber wirklich als einer der ersten überhaupt über Ost-Bands berichtet, und über die Opposition. Hard Pop waren als Punkband verschrien, Die Firma waren dabei, und wir. Solche Aufmerksamkeit gab es im Osten nicht. Für die im Westen waren wir die absoluten Anarcho-Krieger!

tip Westbam, dein kürzlich verstorbener Förderer William Röttger lancierte im tip 1983 eine Meldung, die DJs von Berlin müssten sich warm anziehen. Denn aus Münster käme jetzt der heiße neue Super-DJ Westfalia Bambaataa, kurz Westbam. Als Punk­rocker nanntest du dich noch Frank Xerox.
Westbam?William war nicht nur mein Förderer, sondern überhaupt ein großer Förderer der DJ-Kultur in Deutschland in den frühen 80ern. Sein Freund, der legendäre Kade Schacht, hatte im tip eine Nachtleben-Kolumne …

tip … die hieß „Inside“. Das war das erste Mal,  dass der Name Westbam auftauchte?
Westbam?Genau! Für „Inside“ wurde der Name Westfalia Bambaataa überhaupt erst erfunden. Mehr oder weniger.

tip Mit dem Mauerfall ging die Technobewegung richtig ab. Westbam schreibt in seinem Buch, die Berliner hätten sich schnell wieder in ihre Kieze zurückgezogen, die sie ohnehin ungern verließen. Für die Zugezogenen sei die über Nacht verdoppelte Stadt eine große Spielwiese gewesen. Mit Locations wie dem Tacheles, dem Tresor, später dem E-Werk.
Westbam?Ich war höchst neugierig auf die Orte im Osten! Wir hatten auch mal einen Club in Mitte, wo ich heute langlaufe und denke: Der war hier doch irgendwo. Den haben wir zwei Monate oder so gemacht.

tip Wie hieß der Club?
Westbam?Das Gymnastik! Manchmal irre ich noch durch Mitte und frage mich: Wo war eigentlich noch mal das Gymnastik?
Christian „Flake“ Lorenz?Ich war viel im Tacheles. Da habe ich gearbeitet, auch meine Frau kennen­gelernt. Dann im Eimer in der Rosenthaler Straße. Und in der Schönhauser Allee 5. Das war auch ein besetztes Haus, wo unser Sänger (Aljoscha Rompe von Feeling B, Anm. d. Red.) wohnte.

tip Und bei Flake heißt es, dass die Zugezogenen erst bei Hausbesetzungen oder Kneipen­eröffnungen im Osten mitmachten – und ihnen später diese Läden dann gehörten. Wie das Tacheles, der Tresor.
Christian „Flake“ Lorenz?Passt doch genau zusammen!
Westbam?Würde ich auch unterschreiben. Ich kannte nun wirklich auch die eingesessenen West-Berliner. Da gab es einige, die, nachdem die Mauer offen war, gesagt haben: Warum soll ich da jetzt rüber? Ich fahre ja schon nicht von Kreuzberg nach Schöneberg. Der wahre Berliner ist ein Kieztyp. Gar nicht Ost oder West. Der ist einfach kieztreu.

tip Flake, bist du denn kieztreu?
Christian „Flake“ Lorenz?Absolut! 1966 bin ich in der Stargarder Straße geboren, seit 1968 wohne ich hier am Kollwitzplatz. Die ersten Jahre bin ich auch nicht in den Westen gefahren, als die Mauer offen war. Nur in den Musikladen Sound & Drumland. Aber sonst? Was sollte ich da?
Westbam?Genau das meine ich! Das ist wirklich der wahre Berliner. Wir Wahlberliner dagegen lieben die ganze Stadt! Für uns war es ein Traum, als Berlin plötzlich doppelt so groß war. Weil der Wahlberliner es schon damals im Westen cool fand, in Charlottenburg und in Schöneberg und Kreuzberg zu sein. Und auch mal nach Steglitz zu fahren, in die Music Hall.

tip Hat der Wahlberliner sich nicht inzwischen auch geändert? Wenn jetzt Leute nach Berlin kommen, dann ist das doch so wie mit „Erfolgsfans“ beim Fußball. Jetzt ist hier eine Hauptstadt, jetzt wird hier auch Geld verdient.
Westbam?Klar sind die jetzt anders. Aber bestimmte Sachen ändern sich nie. Immer wenn du zum Beispiel einen siehst, der so verpeilt in der U-Bahn nicht weiß, wo er jetzt lang muss: Das ist immer garantiert ein echter Berliner!

tip Ihr habt beide euren Durchbruch in den frühen 90er-Jahren erlebt. Westbam als DJ, Flake als Rammstein-Keyboarder. Welche Rolle hat Berlin dabei gespielt?
Christian „Flake“ Lorenz?Völlig egal. Die Fantas (Die Fantastischen Vier, Anm. d. Red.) haben es ja auch geschafft – und die kommen aus Stuttgart.
Westbam?Bei DJs war das ein bisschen anders. In Münster kannst du lange auflegen, da wirst du nicht entdeckt werden. In meinem ersten Jahr als DJ in Münster saßen die Dschungel-Leute (aus dem legendären Club in der Nürnberger Straße, Anm. d. Red.) da. Und ich dachte: Oh, mein Ruhm hat sich schon bis Berlin rumgesprochen! Die waren aber nur da, weil sie in Warendorf beim Reiten waren. Reiner Zufall!

tip Techno, sagte ein Radio­redakteur aus der DDR einmal, sei für die Ostler die erste Chance gewesen, sich den Westlern nicht unterlegen zu fühlen. Weil es keine Kleider­ordnung gab. Keine Unterschiede.
Westbam?Glaube ich auch. Natürlich kam der Techno-Sound aus dem Westen. Aus Detroit, aus Belgien, Holland, Westdeutschland, West-Berlin. Aber dass es letztendlich wurde, was es wurde: Das kam durch den Osten. Das war für mich der total magische Moment. Es gab wahrscheinlich nichts, das weiter von der DDR entfernt war als dieser Techno-Soundtrack. Für die Kids war das in dem Moment eine Art von Exorzismus.

tip Rammstein klingt auch nicht nach DDR.
Christian „Flake“ Lorenz?Von der puren Musik her stimmt das. Aber von der Grundauffassung, zusammenzuarbeiten, ist es sehr geprägt. Wir beschließen alles nur gemeinschaftlich einstimmig.
Westbam?Kollektivmäßig!
Christian „Flake“ Lorenz?Genau. Wenn es eine Gegenstimme gibt, dann machen wir das nicht. Weil dann einer frustriert sein könnte.
Westbam?Honeckers Höllenhunde! (lacht)

tip Bei Westbam steht, der natürliche Feind des Nachtlebens sei der Nachbar, der sich in seiner Nacht­ruhe gestört fühlt. Prenzlauer Berg ist quasi clubfreie Zone.
Westbam?Hier beginnt das ja schon, wenn du einen Späti aufmachst. Dann machen die Zugereisten Terror. Das gehört sich nicht, finde ich. Wenn ein Berliner aufs Land zieht, erwartet er auch nicht, dass alle um ihn die ganze Nacht Rabatz machen. „When you’re in Rome, do as the Romans do.“

tip Flake, waren die Leute früher, bevor der Bezirk hip wurde, anders drauf?
Christian „Flake“ Lorenz?Wir haben mit Feeling B in einer Wohnung geprobt, mit offenem Fenster, am hellichten Tag. Als ich da reinkam, hatte ich Herzbeklemmung, weil das Schlagzeug so laut gedröhnt hat. Abends um neun kam der Vater, der unter uns wohnte, hoch: „Jungs, macht jetzt mal ein bisschen leiser, die Kinder können nicht schlafen.“ Ganz freundlich. Dabei hat niemand im ganzen Viertel schlafen können!
Westbam?Ich hatte mal ein ganz kleines Projekt mit Gabi Delgado-Lуpez (von DAF, Anm. d. Red.) im Tacheles. Die Party nannte sich „Der Electrostaat“. Nach drei Liedern kam die Polizei. Am übernächsten Tag war ich im Studio. Da sagt mein Studionachbar: „Ey, neulich war bei mir so ein Krach, da habe ich die Bullen gerufen.“ Dann war der das!
Christian „Flake“ Lorenz?Ich könnte nicht mehr in den Spiegel gucken, wenn ich wegen Krach die Polizei rufen würde. Ich fühle mich nicht so alt. Weshalb ich nie auf die Idee käme, dass ich Ruhe bräuchte.
Westbam?Bls DJ ist das sowieso mein Pro­blem: Die Leute um dich herum, die sehen ja immer gleich aus. Und irgendwann merkst du, du wirst gesiezt. Als 18-Jähriger legst du für 18-Jährige auf. Und als 50-Jähriger legst du immer noch für 18-Jährige auf. Da merkst du nicht so richtig, wie die Zeit vergeht.

tip Rammsteins Auftritte sind ungleich sportlicher als bei Westbam. Gibt es Grenzen?
Christian „Flake“ Lorenz?Bis jetzt noch nicht. Wir gucken uns immer die Auftritte auf Video an. Und wenn es lächerlich oder gequält aussieht, hören wir auf. Aber das Gefühl hatten wir bisher nicht.
Westbam?Ich bin mal für ein paar Wochen mit einem Fitness­armband rumgelaufen. Die besten Werte habe ich samstagnachts zwischen eins und vier!

tip Aber der Körper macht ja nicht alles mit. Was waren eure gravierendsten Bühnenverletzungen?
Christian „Flake“ Lorenz?Ich hab mir mal bei den Proben zum Konzert im Kochtopf …

tip … dein zeitweiliger Live-Arbeitsplatz beim Lied „Mein Teil“ …
Christian „Flake“ Lorenz? die Fingerkuppen weggebrannt. Der hat schon fast geglüht. Ich musste dann die ganze Tour mit verbrannten Fingerkuppen spielen. Das hat wehgetan wie Sau!
Westbam?Ich hatte fast immer Glück. Nur einmal in Tokio bei einem großen Festival nicht. Da war die Bühne relativ hoch. Ich bin immer runtergesprungen zu den Leuten. Diesmal bin ich auf den Füßen gelandet, aber nicht  wie sonst zur Seite gerollt, und merke gleich, das war jetzt nicht so gut. Da war die Ferse zerschmettert. Knorpelschaden auch. Danach habe ich aber noch eine halbe Stunde auf einem Bein weitergespielt.

tip Kann man sich eigentlich vorstellen, dass Rammstein und Westbam an einem Abend gemeinsam auf Doppelticket spielen?
Christian „Flake“ Lorenz Wir hatten schon DJs im Vorprogramm. Die Fans finden es auch gut.
Westbam?Ich war mal auf einem Rammstein-Konzert, hab mich bestens amüsiert. Da kamen relativ viele an: „Mensch, können wir mal ein Foto machen?“
Christian „Flake“ Lorenz?Ich glaube aber,  das Problem wäre, dass Westbam zu berühmt ist. Wir beide könnten auch zwei Tage hintereinander auftreten und kriegen die Hallen voll. Da wäre es Quatsch, wenn wir an einem Abend spielen.
Westbam?(haut mit der Handfläche lachend auf den Tisch) So isses!

Interview: Erik Heier und Hagen Liebing

Foto: David von Becker

Der Tastenficker. ?An was ich mich so ­erinnern kann von Flake, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 392 Seiten, 100 Abbildungen, 19,99 Euro

Die Macht der Nacht Ullstein, 320 Seiten, 18 Euro

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