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Willy Vlautins „Motel Life“

Willy Vlautin__Lee_PoseyWer der alten Unsitte frönt und das Nachwort zuerst liest, der hat gleich verloren, denn das ist von Clemens Meyer, der sich gerade überlegt, ob er nicht lieber vom Carver-Adepten zum Bukowski-Epigonen umsatteln soll. Diese klischeesatte, dummdreiste, verlogene Anwanzerei hat Vlautin nun wirklich nicht verdient.

„Motel Life“ ist eine wortkarge, depressive Unterschichtenmoritat von den beiden Brüdern Frank und Jerry Lee, die mehr Pech als Verstand haben. Der Vater, ein Spieler, bald darauf Knasti, verlässt die Familie. Die Mutter stirbt, da sind die beiden noch nicht volljährig. Jerry Lee stellt sich zu ungeschickt beim Hobo-Spielen an und kommt mit einem Bein unter den Zug – all das wird in kurzen Rückblenden erzählt, während schon auf der ersten Seite schmucklos und dreckig die eigentliche Tragödie ins Rollen kommt: Jerry Lee überfährt schuldlos schuldig einen Jungen, begeht Fahrerflucht und muss dafür schließlich büßen.

Immerhin ist Vlautin zugleich Kopf der Americana-Band Richmond Fontaine, in diesen Kreisen ist das alttestamentarische Schuld-und-Sühne-Schema ja immer noch quicklebendig. Wie überhaupt die ganze Story aus den Topoi vom alten unheimli­chen Amerika zusammenge­stü­ckelt scheint: Glücksspiel, Suff, die unzerstörbaren Blutsbande, die große Auf- und Ausbruchs-sehnsucht, das Mädchen Annie James, das für Frank die letzte Hoffnung ist und naturgemäß nur in Gestalt eines gefallenen Engels erscheinen darf – und dann wird hier auch noch ständig auf gut Amerikanisch gefrühstückt, denn nach einem starken Kaffee nebst ein paar Eiern mit Speck sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Trotzdem bleibt man dran, weil es Vlautin gelingt, seinem Personal hinter den vielen Stereotypen Leben einzuhauchen, einfach indem er es mit viel Empathie in Szene setzt und von seinem eigenen schäbigen bisschen Leben erzählen lässt. Bisweilen kann man den Eindruck bekommen, als hätte er sich die Protagonisten gar nicht selbst ausgedacht, als würde er ihnen auch nur zuhören, wie sie die Dinge sehen. Willy Vlautin nimmt sich ihrer an, wenn es schon sonst keiner tut – das ist das Tröstliche an diesem düsteren Prosa-Blues.

Text: Frank Schäfer

Willy Vlautin „Motel Life“, Berlin Verlag, 207 Seiten, 17Ђ

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