Bücher

Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

Herrndorf.Als die Filmrechte zu seinem Roman „Tschick“ verhandelt werden, dem ersten Buch, das Wolfgang Herrndorf einer breiten Leserschaft bekannt macht, fühlt er ein, so nennt er es, Ressentiment: 25 Jahre lang nahe am Existenzminimum mit wenig Hoffnung, eines Tages eine Zweizimmerwohnung mit Ausblick zu haben. „Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“ Das schreibt Herrndorf Anfang 2011 in sein Internettagebuch. Da weiß der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1965, der Malerei studierte, für die „Titanic“ zeichnete und Anfang der 90er-Jahre nach Berlin kam, seit einem knappen Jahr von dem tödlichen Tumor in seinem Kopf. Glioblastom. So heißt der Krebs. Die Zeit, die noch bleibt, lässt sich nach Monaten bemessen, selten nach Jahren. Einmal, nach einer Untersuchung, notiert Herrndorf mit jenem grimmigen Humor, der sich oft gegen seine Verzweiflung behauptet: „Im ersten Jahr sterben ist für Muschis.“

Bei allen Todesreflexionen ist sein Blog „Arbeit und Struktur“, das nun, ein gutes Vierteljahr nach Wolfgang Herrndorfs Tod von eigener Hand, kondensiert als Buch erscheint, eine bewegende Hymne auf das Leben. Und auf die Literatur. Gerade da lässt sich seine unerschütterliche Konsequenz nachvollziehen, mit der er nicht nur sein Schicksal anging, sondern auch seine Kunst betrieb. In seinem Urteil war der umfassend belesene Herrndorf erbarmungslos, egal, ob es um eigenes oder fremdes Schaffen ging, darin seinem auch Tagebuch schreibenden Schriftstellerkollegen Helmut Krausser nicht unähnlich. So vermochte etwa ein Uwe Tellkamp vor Herrndorf nicht zu bestehen, diese Passagen sind übrigens ausgesprochen lustvoll zu lesen. Jener Tellkamp, der in den Klagenfurter Bachmann-Preis in dem Jahr 2004 gewann, in dem Herrndorf bei der Jury mit seinem Text „Jenseits des Van-Allen-Gürtels“ komplett durchfiel, aber den Publikumspreis bekam. Herrndorf pflegte einen speziellen Hang zum Perfektionismus (in einem eindrucksvollen Nachruf beschrieb Holm Friebe, wie sein Freund wochenlang über ein Komma grübeln konnte), der so lange keine Grenzen kannte, bis sie der Krebs ihm setzte. Die Romane, die dann im Wettlauf mit dem Tod entstanden, „Tschick“ und „Sand“, sind seine erfolgreichsten. Das ist eine bittere Ironie.

Text: Erik Heier

tip-Bewertung: Herausragend

Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“ Rowohlt, 448 Seiten, 19,95 Ђ (ab 6.12.)

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