Yasmine M’Barek findet: Wir müssen dringend über Empathie reden – privat, politisch, online. Darum dreht sich ihr neuer Essay „I Feel You“, der dieser Tage im Eichborn Verlag erscheint. Im Interview mit tipBerlin spricht die Journalistin und Autorin über Empathielosigkeit und Taylor Swift, empathisches Lästern, Charlie Kirk und das wurzellose Böse nach Hannah Arendt. Und verrät, warum wir vielleicht mehr „empathische Egoisten“ brauchen.

Yasmine M’Barek: Brauchen wir alle mehr Empathie?
tipBerlin Yasmine, dein neuer Essay trägt den Titel „I Feel You“. Warum gerade jetzt ein Buch über Empathie?
Yasmine M’Barek Ich habe das Gefühl, der Begriff „Empathie“ wird inflationär benutzt. Im politischen Tagesgeschehen wird ständig jemandem Empathielosigkeit attestiert. Aber selten wird erklärt, was damit eigentlich gemeint ist. Meine bisherige Karriere im Politikjournalismus war geprägt davon, zwischen dem polarisierten Hin und Her zu agieren und zu denken. Vielleicht war es Zeit, mal genauer hinzusehen, was es wirklich heißt, sich nach mehr Empathie zu sehnen – privat wie politisch.
tipBerlin Gab es einen persönlichen Auslöser oder einen Moment, in dem dir klar wurde: Darüber muss ich schreiben?
Yasmine M’Barek Das erste Kapitel, das für mich stand, war „Der Tod der Kritik“. Die Online-Kritikkultur beschäftigt mich schon lange. Da heißt es dann etwa, „Jede:r, der Taylor Swift nicht mag, ist ein misogynes Arschloch“ – es gibt kaum noch Zwischentöne. Mich hat interessiert: Wie sind wir dahin gekommen?
tipBerlin Du schreibst nicht nur über Empathie in der Popkultur, sondern natürlich auch über den politischen Diskurs. Im Kapitel „Sommerinterviews“ geht es um Empathie gegenüber dem politischen Gegner. Heute ist ein passender Tag, um darüber zu sprechen: Das Netz ist aktuell voll mit Reaktionen auf das Attentat auf Charlie Kirk. Trauerbekundungen und Mitleid, aber auch viel Spott. Viele Nutzer:innen posten Zitate von Charlie Kirk, um seine eigene Empathielosigkeit zu illustrieren. Was verrät all das über unsere Empathiefähigkeit?
Yasmine M’Barek Wenn jemand wie Kirk, der gegen strengere Waffengesetze war, selbst durch Waffengewalt stirbt, sehen viele eine Möglichkeit darauf ironisch zu reagieren. Viele reagieren darauf mit Schadenfreude, weil Kirk selbst das Leben von Marginalisierten verlächerlichte – aber es macht einen selbst kleiner und schwächt einen in der Debatte. Die eigentliche Frage ist: Wer leidet unter den Folgen am Ende? In Kirks Fall etwa Migrant:innen, Obdachlose – Menschen, die direkt von der Politik, für die er stand, betroffen sind. Für mich gibt es da eine Grenze, angelehnt an Hannah Arendt, zwischen dem wurzellosen Bösen – wie bei Kirk, der so radikal rechts war, dass ich sagen würde, der ist nach Arendt keine verwurzelte Person mehr – und jenen, bei denen noch Menschlichkeit und eine Verwurzelung vorhanden ist. Wie gehen wir mit Kirks Anhänger:innen um? Ihnen jede rationale Empathie zu verweigern, ist gefährlich – und zwar gerade für die, die unter den Auswirkungen dieser rechten Ideologie leiden. Deswegen unterscheide ich auch klar zwischen jemandem wie Alice Weidel und einem AfD-Wähler, der sie wählt, mal SPD wählte, und denkt dadurch würden sich seine Probleme lösen. Das ist jemand, mit dem ich zusammen lebe, der Teil unserer Gesellschaft ist – und den man im besten Fall noch erreichen kann.
Yasmine M’Barek über Empathie und Kapitalismus
tipBerlin Du beschreibst Empathie als das höchste Gut unseres Miteinanders. Gerade im aktuellen Diskurs scheint sie aber oft zu fehlen. Was ist da deiner Meinung nach schiefgelaufen?
Yasmine M’Barek Empathie ist ein Produkt der Industrialisierung und Kapitalisierung – weil Menschen sich unter schlechten Bedingungen zusammen tun mussten und dabei ein Gefühl von Zusammenhalt entstanden ist. Heute steht eher das Individuum im Zentrum. Gleichzeitig sind wir überfordert, ständig im Stress, müssen arbeiten, Rechnungen zahlen, Care-Arbeit leisten. Es bleibt kaum Raum, sich individuell zu entfalten. Das ist ja auch politisch kalkuliert – damit man keine Zeit hat, zu viel in Frage zu stellen. Empathie ist genau der Moment, in dem man innehält. In dem man sich verbindet. Community ist, wie Bell Hooks sagt, ein zentrales Element von Empowerment. Und genau das kann Empathie: Sie ist der Versuch, Menschen zu lieben. Aber für diese Verbindung bleibt immer weniger Zeit.
Soziale Medien fordern schnelle Urteile, absolute Positionen. Das trainiert uns – und dann übertragen wir das auch auf Dinge, bei denen man gar keine schnelle Meinung haben müsste
Yasmine M’Barek
tipBerlin Welche Rolle spielen sozialen Medien dabei?
Yasmine M’Barek Sie spielen eine doppelte Rolle. Einerseits bekommt man ständig serviert, wer was falsch gemacht hat, wer gecancelt wurde, wer zu welcher Seite gehört. Und das macht es schwerer, empathisch zu sein. Soziale Medien fordern schnelle Urteile, absolute Positionen. Das trainiert uns – und dann übertragen wir das auch auf Dinge, bei denen man gar keine schnelle Meinung haben müsste. Andererseits gibt es einen Gegentrend: Menschen sehnen sich nach Ausgewogenheit. Nach Formaten, die Tiefe haben. Podcasts oder Longform-Essays werden beliebter. Das zeigt: Wir wollen eigentlich verstehen. Wir sind gemacht dafür, einander zuzuhören. Die Frage ist nur: Haben wir dafür am Ende des Tages noch die Kapazität?
Brauchen wir mehr „empathische Egoisten“?
tipBerlin Du plädierst in deinem Buch für mehr „empathische Egoisten“. Was meinst du damit?
Yasmine M’Barek Ich denke da oft an diese viralen Videos, in denen alte Menschen allein essen – und alle reagieren mit Mitleid. Vielleicht hat der ältere Herr sich einfach nur vorher mit seiner Frau gestritten. Worauf ich hinaus will: Natürlich ist das irgendwo egoistisch, weil ich mein eigenes Gefühl auf eine komplett fremde Person projiziere. Aber diese Art Content zwingt uns trotzdem dazu, unsere Umgebung wahrzunehmen. Hinzuschauen. Zu versuchen zu verstehen, warum Menschen vielleicht so sind, wie sie sind. Deshalb: Go ahead, Influencer.
tipBerlin Und das ist dann auch okay, selbst wenn es kapitalistisch vereinnahmt wird?
Yasmine M’Barek Das Buch ist kein idealistisches Manifest – auch wenn der Gedanke, dass Menschen nett zueinander sind, natürlich etwas Idealistisches hat. Aber ich sehe jetzt nicht, dass der Kapitalismus deswegen zusammenbricht. Meine These funktioniert innerhalb des Systems. Deshalb ist mein Ansatz, zu sagen: Ob das jetzt der Algorithmus ist, der mir solche Videos vorschlägt, oder ob Empathie als Marketing-Strategie funktioniert – immerhin trägt das die Idee in die Gesellschaft. Das soll nicht heißen, dass man in eine pathetische Obama-Haltung verfallen soll und sagt: Wenn wir alle nur ein bisschen empathischer gegenüber dem Mitarbeiter, zur Ehefrau oder zum Uber-Fahrer wären, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber: Dann können wir wenigstens anfangen, zu reden.
Lästern als Tool für mehr Empathie im Alltag
tipBerlin: Das letzte Kapitel von „I Feel You“ dreht sich um Gossip. Du schreibst, Lästern kann etwas zutiefst Empathisches sein. Kannst du das erklären?
Yasmine M’Barek Lästern schafft per se ein verbindendes Gefühl – da kommt für mich auch Empathie ins Spiel. Wichtig Wenn ich jemanden etwa rassistisch oder antisemitisch beleidige, ist das natürlich kein Lästern. Das sind schlicht antidemokratische Beleidigungen und Hass. Aber Lästern ist ja nicht einfach nur eine Meinung aussprechen, sondern es entsteht daraus im besten Fall ein gemeinsamer Debattenprozess. Wer schafft es beim Lästern, wirklich tiefer zu blicken? Wer bringt neue Perspektiven rein, auf die ich selbst nie gekommen wäre? Wenn jemand zum Beispiel sagt: „Die ist voll self-centered“, und eine andere Person wirft dann ein: „Vielleicht wurde sie gerade gekündigt oder hatte einen Shitstorm und hat einfach niemanden, mit dem sie drüber reden kann“ – dann verändert das den Blick. Dann entsteht ein empathischer Raum, in dem man sich fragt: Warum ist jemand, wie er oder sie ist? Und das schärft unseren Radar für Mitmenschen total. Für mich ist Lästern deshalb nicht nur legitim – es ist ein super wertvolles, sozial verbindendes Tool.
Ich finde, sobald man beim Lästern das eigene Ego mal kurz verlässt und sich fragt, warum einen etwas so beschäftigt oder aufregt, entsteht da was total Befreiendes
Yasmine M’Barek
tipBerlin Du sprichst auch über Gossip als Schutzmechanismus, etwa bei sexualisierter Gewalt oder Machtmissbrauch.
Yasmine M’Barek Ja, absolut. In solchen Fällen ist Gossip manchmal der erste Raum, in dem Informationen geteilt werden: „Hast du gehört, der ist übergriffig“ – das kann ein erster Schritt sein, in dem Betroffene Energie gewinnen und sich zusammenschließen. Dass Lästern gesellschaftlich so abgewertet wird, halte ich für krass misogyn. Denn es gibt wahnsinnig viele Frauen, die sehr klug und auf hohem Niveau gossipen. Und das kann echte gesellschaftliche Debatten anstoßen. Deshalb würde ich auch immer dafür plädieren, sich den Begriff „Gossip“ zurückzuholen. Das Wort „Lästern“ im Deutschen hat ja sofort etwas total Abschätziges.
tipBerlin Vielleicht könnten wir also empathischer sein, wenn wir Lästern nicht so tabuisieren würden?
Yasmine M’Barek Ja. Dazu zu stehen, ist meiner Meinung nach gesünder und ehrlicher, als so zu tun, als würde man nie lästern. Ich habe das Gefühl, gerade Menschen, die dieses Ventil nicht nutzen, wirken in bestimmten Situationen oft besonders hart oder aggressiv, weil sie gar keinen Raum haben, ihre Gedanken über andere zu regulieren. Sie denken, es sei grundsätzlich böse, sich über andere Menschen Gedanken zu machen – dabei fehlt ihnen vielleicht ein Gegenüber, das ihre Perspektive reflektieren oder in Frage stellen kann. Ich finde, sobald man beim Lästern das eigene Ego mal kurz verlässt und sich fragt, warum einen etwas so beschäftigt oder aufregt, entsteht da was total Befreiendes.
Empathie: Ein Luxus?
tipBerlin Was würdest du Menschen sagen, die behaupten, Empathie sei ein Luxus?
Yasmine M’Barek Für viele ist sie das auch. Empathie kostet Zeit und emotionale Kapazität, die nicht alle haben. Gerade die klassische working class, Alleinerziehende oder Care-Arbeiter:innen können sich diese emotionale Offenheit oft gar nicht leisten. Und das meine ich ganz konkret: Wenn du gezwungenermaßen apolitisch bist, weil du keine Ressourcen hast, dich in politische Debatten reinzudenken oder mitzudiskutieren, dann ist es auch schwer, differenzierte Haltungen zu entwickeln. Deshalb sehe ich es als Verantwortung von Menschen, die Plattformen und Kapazitäten haben, genau das zu tun: Brücken zu schlagen, zu verstehen, zu übersetzen. Oft sind es ja gerade marginalisierte Gruppen, die weniger Zeit und Geld zur Verfügung haben – queere Menschen, People of Color, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung. Wenn ich also privilegierter bin, dann liegt es auch an mir, ein gewisses Maß an Empathie und politischer Übersetzungsleistung zu erbringen.
Ich sehe es als meine Aufgabe, zu verstehen, warum Menschen zum Beispiel die AfD wählen – nicht, um das gutzuheißen, sondern um die richtigen Schlüsse zu ziehen: Wie können wir als Gesellschaft damit umgehen?
Yasmine M’Barek
tipBerlin Also wird Empathie zur Pflicht für alle, die sie sich leisten können?
Yasmine M’Barek Zumindest empfinde ich das so, auch in meiner Rolle als Journalistin. Ich sehe es als meine Aufgabe, zu verstehen, warum Menschen zum Beispiel die AfD wählen – nicht, um das gutzuheißen, sondern um die richtigen Schlüsse zu ziehen: Wie können wir als Gesellschaft damit umgehen? Ich glaube, wenn wir nicht verstehen, warum Menschen so wählen, dann verpassen wir jede Möglichkeit, etwas zu verändern. Denn die Gefahr ist real. Was tun wir wirklich, um Menschen abzuholen, bevor sie endgültig in rechte Narrative abrutschen? Denn wenn sie irgendwann mehrheitlich rechts wählen, leiden wieder Marginalisierte darunter.
- I feel you – Über Empathie Eichborn, 144 S., 20 €, Buchpremiere Do., 25.9., 19.30 Uhr, Pfefferberg (Haus 13), Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, ausverkauft
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