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Zoran Drvenkars Krimi: „Du“

Krimikenner wissen, dass man von großen Drogenfunden die Finger lassen soll, weil man sonst unweigerlich Ärger bekommt. Trotzdem beschließt eine Berliner Schülerin, Stinke genannt, fünf Kilo Heroin und diverse andere Rauschgifte aus einem zufällig entdeckten Versteck auf eigene Rechnung zu verkaufen. Prompt gerät die kesse 16-jährige ins Visier des Großdealers Ragnar Desche, der seine Ware wieder haben will. Verfolgt von ihm und seinen Kumpanen, flüchtet Stinke mit vier gleichaltrigen Freundinnen aus Berlin über Hamburg nach Norwegen. Zwei Mädchen und mehrere Männer verlieren dabei ihr Leben.
„Ich schreibe sehr aus dem Bauch heraus“, erklärt der 1967 in Kroatien geborene und in Berlin aufgewachsene Zoran Drvenkar, dessen vorheriger Krimi „Sorry“ (2009) gute Kritiken bekam und verfilmt wird und der als Ko-Autor am Drehbuch für Detlev Bucks Neuköllner Schülerdrama „Knallhart“ (2006) mitarbeitete.

Die Fabulierlust merkt man seinem aktuellen Buch deutlich an. Stilistisch unbekümmert verbindet er okkulte Motive mit Mordschilderungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit eigenartigen Analogien („Es fühlt sich an, als hätte eine Bombe dir einen Zungenkuss verpasst.“). Während er den Alltag der Schülerinnen zunächst lebensnah mit Dialogen im restringierten Sprachcode mit Kinobesuchen und pubertären Sexerlebnissen beschreibt, wirkt das Geschehen zunehmend realitätsfern, je weiter sich die Romanfiguren Richtung Norden bewegen. Der Autor nutzt die Krimihandlung als Rahmen, um Beziehungsprobleme zu erörtern. Es geht um Freundschaft und extrem dysfunktionale Familienverhältnisse, nebenbei treibt ein mysteriöser Würger sein Unwesen. Stinke wurde schon als Kind von den Eltern im Stich gelassen, ihre Freundin Taja vögelte mit ihrem Vater, Ragnar Desche wurde als Knabe vom Vater gefoltert.

Obwohl Drvenkar in der zweiten Person schreibt und mit dem „Du“  versucht, dem Leser die Gefühle der Figuren nahe zu bringen, gelingt das oft nicht. Etwa im Falle eines noch denkfähigen, gefrorenen Leichnams oder abartiger Fantasiegeschöpfe wie dem Würger, der hier insgesamt 179 Menschen massakriert – mit bloßen Händen.    

Text: Ralph Umard
(tip-Bewertung: Annehmbar)

Zoran Drvenkar: „Du“?, Ullstein Verlag, 575 Seiten, 19,95?Ђ

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