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Zu Besuch bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“-Autor Kai Hermann

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Journalistenlegende Hermann wurde 1938 in Hamburg geboren. Der „Stern“-Reporter berichtete 1978 zusammen mit Horst Rieck über den Fall Christiane F., die mit 13 Jahren zum Heroin kam und ein Doppelleben zwischen Schule und Anschaffungsprostitution am Bahnhof Zoo führte. Das Buch, das 1980/81 verfilmt wurde (Regie: Uli Edel, Produzent: Bernd Eichinger), rüttelte die Öffentlichkeit wach und wurde ein weltweiter Erfolg. Kai Hermann lebt mit seiner zweiten Frau Waewdow im Wendland nahe Gorleben und im Winter in Thailand.

Herr Hermann, kaum jemand weiß wahrscheinlich besser als Sie, welche Auflagenhöhe und Übersetzungen „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erreichte.
Weiß ich nicht wirklich. Aber ich habe jetzt gelesen, dass es vier Millionen verkaufte Exemplare sein sollen, übersetzt in über 15 Sprachen.

Als Sie das Thema einer minderjährigen drogenabhängigen Straßenprostituierten damals, Ende der 70er-Jahre, dem Rowohlt-Verlag und anderen anboten, wollte es keiner haben. „Unverkäuflich“, „Minderheitenthema“, hieß es. Wie kam es zu dieser totalen Fehleinschätzung?
Ich denke, dass Lektoren und Redakteure alles in Schachteln stecken. Rowohlt hatte konkret gesagt, das Thema sei eine „Case-Study“ und „Case-Studies“ könne man in Deutschland nicht verkaufen. Dass das ein Buch für Jugendliche und ein Aufklärungsbuch über Drogen und die Drogenszene sein könnte, auf diese Idee ist wirklich kaum einer gekommen – außer den Autoren. Auch beim „Stern“ lag das Thema wochenlang, man hielt das Ganze für ein schmuddeliges Randthema. Bis Henri Nannen das Manuskript in die Hände bekam. Und übrigens: Die Buchfassung ist ohne Wissen von Rieck und mir redigiert worden, Passagen, die als zu drastisch galten, aber wichtig waren, wurden einfach rausgestrichen …
… das bedeutet: Die Fassung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die wir alle kennen, ist eigentlich gar nicht die Originalfassung?
Richtig. Eine Szene, die entscheidend war für Christianes Ausstieg aus dem Drogenmilieu, die Vergewaltigung durch mehrere Männer, wurde zum Beispiel herausgestrichen.

35 Jahre nach Ihrem „Stern“-Buch mit dem Kollegen Rieck nun ein zweites Buch: eine Autobiografie von Christiane Vera Felscherinow, wie Christiane F. mit vollem Namen heißt. War diese Autobiografie überfällig?
Also, aus meiner Sicht nicht.

Ärgern Sie sich, dass nicht Sie es waren, der dieses zweite Buch geschrieben hat?
Nein, ich ärgere mich nicht, weil ich es nicht geschrieben hätte. Ich hätte die Gelegenheit gehabt, und es gab ja auch fantastische finanzielle Angebote und konkrete Pläne. Ich habe Christiane gesagt: Voraussetzung ist, dass du clean bleibst. Auf die Geschichte der Zerstörung einer tollen Persönlichkeit durch Drogen hatte aus meiner Sicht auch die neugierige Öffentlichkeit keinen Anspruch.

Mit 16 Jahren dachte Christiane F., sie würde das 30. Lebensjahr nie erleben. Jetzt ist sie 51 – ist das schon ein Erfolg, Herr Hermann, dass Christiane F. tiefste Phasen ihres Lebens, bei denen andere auf der Strecke bleiben, überlebt hat?
Mit 16 Jahren zu glauben, dass man das 30. Lebensjahr nicht erreicht, das finde ich nicht originell, das Gefühl hatte ich in dem Alter auch. Aber Ihre Frage bezieht sich ja auf die harte Drogenzeit Christianes, das ist sicherlich eine Leistung.

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Ist Christiane F. ein Junkie oder ein Ex-Junkie?
Ich denke, sie würde sich selber als Junkie bezeichnen.

Wie würden Sie Christiane F. mit wenigen Worten charakterisieren?
Ein außergewöhnlicher Mensch, vor dem ich immer Respekt behalten habe. Ein Mensch mit einem unbeugsamen Willen.

Auf der Frankfurter Buchmesse war Christiane F. Teil eines „Walk of Fame“, und sie selbst spricht vom „Star-Kult“ um ihre Person, was mir nach all meinen jahrelangen Beobachtungen auch berechtigt scheint. Man orientiert sich an ihr, es gibt so etwas wie eine Christiane-F.-Nostalgie. Woher kommt dieser unglaubliche Identifikationshunger so vieler Leute mit C. F.?
Da bin ich überfragt. Wahrscheinlich, weil sie eine trotz allem starke und authentische Persönlichkeit ist, die im Extrem Konflikte durchlebt hat, die auch ohne Drogen Heranwachsenden nicht fremd sind. Aber ich habe mit dem Star-Begriff angesichts der doch eher traurigen Lebensgeschichte meine Schwierigkeiten.

Die Verkaufszahlen könnten tatsächlich als weiteres Indiz für das Phänomen „Christiane F.“ herhalten. Nach Angaben des Verlages war die erste Auflage von 30.000 Exemplaren binnen zwei Wochen verkauft.
Dass die Leser von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wissen wollen, wie das Leben der damals 15-Jährigen weitergegangen ist, scheint mir verständlich. Da läuft ja auch eine riesige PR-Kampagne um Christiane. Es ist das genaue Gegenteil von dem, was wir und Christiane seinerzeit wollten. Wir haben sie immer von den Medien abgeschottet. Insbesondere nach Erscheinen unseres Buches 1978. Zum Beispiel gab es auch eine Absprache mit Christianes Mutter, dass es keine öffentlichen Auftritte ihrer Tochter geben würde und kein Foto von Christiane irgendwo erscheint. Über dieses Verbot hat sich damals die „Stern“-Redaktion in einer Titelgeschichte hinweggesetzt. Daraufhin bin ich wutentbrannt in die „Stern“-Chefetage geeilt, habe fristlos gekündigt und die Tür aus den Angeln geschlagen.

Im neuen Buch beklagt Felscherinow Stigmatisierungsprozesse. Auch, dass viele überhaupt nicht wüssten, wie Drogen funktionieren. „Was die meisten Menschen einfach nicht begreifen: Nicht jeder Schuss, nicht jeder Schnief wirft einen gleich zurück in die Abhängigkeit.“ Verharmlost da C. F., kaschiert sie ihre Abhängigkeit oder hat sie einfach nur Recht?
Richtig daran ist, dass nicht jeder, der einmal Drogen probiert, gleich zum Süchtigen wird. Ich habe reichlich Drogenerfahrung in meinem Leben gemacht, war aber nie abhängig.

Auch mit Heroin?
Ja. Heroin habe ich während meiner Recherche damals ausprobiert, da musste ich ja schließlich wissen, wie es wirkt. Aber zurück zu Ihrer Frage, man kann das natürlich nicht verallgemeinern. Und man muss vor allem eins bedenken: Zum Kreislauf des Süchtigwerdens gehört ja nicht allein die Droge, sondern ganz wesentlich die Szene, in der man sich bewegt und aus der man eventuell nicht mehr rauskommt.

Christiane F. begreift sich auch als von der Öffentlichkeit Verfolgte, gerade in Bezug auf ihren Sohn. Unter anderem sagt sie: „Ich konnte mich nicht weiterentwickeln, ich wurde immer auf das Christiane-F.-Ding zurückgeworfen.“ Und: „Christiane F. von der Ferne ist ganz toll, aber als Nachbarin will mich keiner haben.“ Wie wünschen Sie sich den Umgang der Öffentlichkeit mit ihr?
Eigentlich hat sie sich bis vor Kurzem auf das Christiane-F.- Ding nie eingelassen und auch deshalb mit wenigen Ausnahmen die Öffentlichkeit gemieden, Interviews verweigert. Christiane hat sich immer dagegen gewehrt, vermarktet zu werden. Nun ist sie auf allen Kanälen, und das macht sie, finde ich, ziemlich souverän. Vielleicht ist es ja für sie wie eine Befreiung, dass sie sich am Ende auf ihre Rolle als Christiane F. einlässt. Ich hoffe es.

Text/Foto: Andreas Burkhardt

„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck Carlsen Verlag (TB-Ausgabe)368 S., 9,99 Euro

Christiane V. Felschernikow, Sonja Vukovic: Christiane F.  – Mein Zweites Leben Deutscher Levante Verlag 333 Seite, 17,90 Euro

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