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Zum 70. Geburtstag von Jörg Fauser

Jörg Fauser

Telefonhörer neben den Apparat, Tür zu, Brainstorming! Die Deadline für den Titel rückte näher und es gab noch keine Schlagzeile. Der tip präsentierte im März 1981 sein erstes Journal: 20 Seiten Literatur im Heft. Ungewöhnlich, war doch keine Messe in Sicht. Der Grund war der neue Redakteur: Jörg Fauser machte sich warm für den „Literaturtip“, der im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse einschlagen sollte. Chefredakteur Werner Mathes hatte ihn für dieses Projekt geködert, und Fauser kam gern von München nach Berlin. Beim tip Magazin konnte er Journalismus und Blattmachen lernen, ohne seine Schriftstellerei zu vernachlässigen. Zudem war West-Berlin Anfang der 1980er die aufregendere Stadt.
Anfang Januar holte ich Fauser am Flughafen Tegel ab. Der Rebell im hellen Trenchcoat mit Schweißfilm auf der Oberlippe gab sich zurückhaltend und sehr freundlich. In der Kreuzberger Hasenburg wollten wir Mathes treffen. Der blieb fern. Und nach einigen Gläsern Wein nahm Fausers Zurückhaltung ab, er begann zu erzählen. Wir beendeten schließlich das Warten, es drängte ihn auf die Potse. Das Nevada, die einbeinige Nutte auf dem Stromkasten, der Bierhimmel. Später, nebenan im Chamberlein, erzählte Fauser immer noch und lautstark Geschichten, die dort keiner hören wollte. Plötzlich saß er vor der Tür auf dem Pflaster, das er so liebte. Ich fand noch seine Brille, verabschiedete mich und Fauser steuerte wieder den Bierhimmel an, über dem es langsam hell wurde. Zwei Tage später richtete er in der Redaktion seinen Schreibtisch ein.
tip-Cover 6/81Die exzessiven Sauftouren, die Fauser nicht lassen konnte, kosteten ihn schließlich das Leben. Dazwischen aber war er der Arbeiter, der Handwerker, der Perfektionist. Sein scharfer Verstand, seine Haltung und Schreibkunst nötigten Respekt ab. Trotzdem bastelte er ohne jede Selbstgefälligkeit an Vorspännen, schrieb Bildzeilen oder las Korrektur. Er wollte die Verschmelzung von Literatur und Journalismus. Seine grandiosen Autorenporträts und Kolumnen zeugen davon.
Fauser war ein Energiepaket, ruhelos geradezu. Hingezogen zu den Rändern und Geschwüren der Gesellschaft, ob im Rotlicht, bei den Kleingärtnern an der Mauer in Reinickendorf oder im Abgeordnetenhaus. Catch- und Boxabende in der Neuen Welt an der Hasenheide waren ein Muss, wenn die alternde Catch-Legende Renй Lasartesse sich die Ehre gab oder der junge Berliner Boxmeister Frank Wissenbach viertklassiges Fallobst verdrosch.
Zwar arbeiteten sich Fauser und Mathes zeitweilig im Wissenbach-Studio am Sandsack und beim Schattenboxen ab, doch mehr als im Ring landete Fauser seine Wirkungstreffer auf der Schreibmaschine, wenn er, den linken Zeigefinger auf der Umschalttaste, hoch konzentriert mit dem rechten die Buchstaben aufs Papier hämmerte. Schnell und gnadenlos.
Nach zwei Stunden Brainstorming war das Zimmer völlig zugequalmt. Die herbe Schönheit auf dem Titel, die  uns provozierend ihren linken Brustnippel anbot, hatte Klaus Vogelgesang gemalt. Nur, wie den Bogen schlagen zu den Literaturthemen? „Zur Sache, Dichter?“ sagte einer. Genau so!

Text: Ingo Schütte

Ingo Schütte war von 1980 bis 2007 Redakteur und Textchef ?beim tip. Heute lebt der Texter, Webdesigner und Buchhändler in Berlin

Jörg ?Fauser
Journalist und Schriftsteller, u.a. „Der Schneemann“ (1981), „Rohstoff“ (1984); ?geboren am 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach im Taunus; tip-Redaktionsmitglied von Anfang 1981 bis Frühjahr 1984; gestorben am 17. Juli 1987, als er betrunken auf der A94 bei München von einem Lkw erfasst wurde.

Rohstoff. Der Schriftsteller ?Jörg Fauser
Christoph Rüter zeigt sein Filmporträt zu Fausers 70. Geburtstag, Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, Charlottenburg, ?Do 17.7., 20.30 Uhr?

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