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Zweiter Teil des Interviews mit Rocko Schamoni

Rocko_Schamonitip: Und was liest Du selbst gern?

Rocko Schamoni: Ich hab’ heute Morgen gerade Tschechows Meistererzählungen zu Ende gelesen. Ein bisschen auch, weil es im Theaterbereich, in dem ich ja tätig bin, so eine große Rolle spielt. Ich finde das sehr interessant, wie er schreibt. Ich stelle bei solchen Leuten, auch bei Thomas Mann zum Beispiel, immer fest, dass deren Art zu schreiben eine tolle Vornehmheit hat, weil sie entspannt und gleichzeitig genau und distanziert zu ihren Figuren erzählen. Das finde ich anziehend, gleichzeitig merke ich aber, dass es mich überhaupt nicht berührt! Klassische Literatur, in einem sehr gediegenen Jargon fließend, hat mit meinem Leben und mit der Jetzt-Zeit so wenig zu tun, dass ich daran spüre, wie wenig ich mit dem Literaturzirkel am Hut habe. Der sich immer wieder, genau wie beim klassischen Theater, an den gleichen Themen abarbeitet. Dieser Götzendienst. Ich lese das und denke, zu seiner Zeit war das wunderbar, und es ist immer noch toll, aber mein Herz fängt nicht an zu pochen. Was ich noch gerade lese, ist Machiavelli, „Der Fürst“. Was er über Phänomene wie Macht und Verführbarkeit von Menschen schreibt, zu allen Zeiten, da lernt man wirklich etwas. Er berührt grundlegende Dinge auf so eine pragmatische Art und Weise, fast mathematisch.

tip: Muss ein Künstler immer eitel sein, wenn er an die Öffentlichkeit geht? Weil er annimmt, jemand interessiere seine Kunst?

Rocko Schamoni: Eitelkeit ist einer der Gründe. Aber noch stärker ist, finde ich: Bei fast allen Küns­tlern, die ich kennengelernt habe, liegt ein psychologisches Problem zugrunde. Eine Art Loch in der Seele, in das man unglaublich viel Liebe reinkippen kann. Aber das Loch wird dadurch nicht geschlossen, es reißt höchstens noch mehr auf. Das hat etwas mit den ersten drei Kindheitsjahren zu tun, in denen alle diese Leute Eitelkeitskränkungen, Liebes- und Zuneigungskränkungen erfahren haben. Und die lenken die Aufmerksamkeit später wieder auf sich.

tip: Ensteht Kreativität in der Kultur tatsächlich nur durch Schmerz?

Rocko Schamoni: Ja, oder sagen wir: Kultur entsteht nur durch Kranke!

tip: Gibt’s da kein Gegenbeispiel? Jemanden, der Songs macht, weil er so glücklich ist? Ist Bruce Springsteen nicht total glücklich?

Rocko Schamoni: Nein, der hat richtig schlimme psychologische Probleme! Der war früher komplett kontaktunfähig, konnte weder mit Frauen noch mit Männern reden!

tip: Okay, aber das gilt nur für Front-Leute. Ray Manzarek ist doch bestimmt ein glücklicher Familienmensch!

Rocko Schamoni: Bei dem weiß ich das nicht! Das ist auf jeden Fall konzentrierter bei den Frontschweinen. Die zweite oder dritte Reihe hat vielleicht einfach nur aus Liebe zur Musik angefangen, bis sie dann auf jemanden getroffen sind, der nach vorne wollte, auftreten. Wenn man es unbedingt an die Öffentlichkeit bringen will, ist es schon Eitelkeit, als Teil dieser Krankheit, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu bündeln, bestenfalls positive, um das Loch zu stopfen.

tip: Und das ist bei Dir auch so?

Rocko Schamoni: Seitdem ich denken kann. Wie Robbie Williams das mal sagte: Das Loch ist nicht zu stopfen. Dann hast du den Kloß endlich runtergeschluckt, sitzt im Backstage-Raum, und plötzlich ist es wieder offen.

tip: Ich habe gerade in den U-Bahnnachrichten gelesen, dass die nächste Tour von Take That mit Robbie schon wieder unsicher ist… der kriegt es irgendwie nicht hin.

Rocko Schamoni: Das finde ich aber auch gut so. Ich kann solche geleckten Typen nicht ab, die es hinkriegen.  Aber die Wahrheit ist, so ein Typ wie Robbie Williams wird daran nicht zugrunde gehen, wie Jimi Hendrix oder so. Da gibt es Oben und Unten. Das ist ok. Ich leide genauso.

tip: Hoffentlich nicht!

Rocko Schamoni: Also, ich habe schwere Depressionen. Hab’ 50.000 Mal in meinem Leben über Selbstmord nachgedacht. Und fast alle Drogen genommen.

tip: Da kann man nur hoffen, dass Du nie soviel Geld hast wie Robbie, und die ganz schlimmen Drogen nie nehmen wirst.  Offensichtlich versuchst Du ja, diese Krankheit in den Griff zu kriegen.

Rocko Schamoni: Das ist ein Lebensbegleiter, den ich nie mehr loswerden werde. Das Geile ist, dass der mich immer ausgebeutet hat, und jetzt lerne ich gerade, es umgekehrt auch so zu machen. Das wird also ein gegenseitig ­parasitäres Verhältnis.

tip: Hast Du Angst, dass Du nichts mehr hast, wenn die Krankheit weg ist? Weil Du plötzlich für alles selbst verantwortlich bist?

Rocko Schamoni: Sicher. Literarisch und künstlerisch ist die Krankheit eine Goldgrube. Ich kann das ganze Elend der Welt daraus schöpfen. Und man kann sich ohne die Krankheit nicht mehr rausreden. Also ist sie auch ein Partner.

tip: Ich war mir bei Deinem neuen Buch nicht ganz klar, wie viel ernst gemeint ist – aber es geht dann wohl tatsächlich um einen Typen, der Depressionen hat?

Rocko Schamoni: Ich konnte die Figur wahnsinnig gut mit meinen Erfahrungen füttern.

tip: Aber die meisten Leute werden lachen, wenn Du vorliest, das ist dir doch klar?

Rocko Schamoni: Sollen sie auch ruhig! Beim letzten Buch haben die meisten Zuhörer allerdings oft erst bei Lesungen gemerkt, dass man die Stellen auch lustig gemeint haben könnte.

tip: Echt? Ich hätte gedacht, dass Du eher das umgekehrte Problem hast, genau wie Helge Schneider: Dass Leute zu Deinen Lesungen kommen, weil sie lachen wollen, egal, was Du machst. Sie sind bereit zu lachen.

Rocko Schamoni: Genau die kommen ja auch. Studio Braun im Schauspielhaus ist immer ausverkauft, 1200 Leute. Aber es wäre doch jämmerlich, zu sagen: So haben wir das auch nicht gewollt…  Es ist für mich trotzdem immer ein Problem, vor solchen Mengen zu lesen, weil ich eine Massenallergie habe. Ich denke dann: Das kannst du doch gar nicht! Alle lachen auf Kommando, über deinen Witz…

tip: Vor allem, wenn man nur auf die Bühne geht und „Hallo” sagt! Dadurch werden alle Witze gleich, weil die guten und weniger starken nicht mehr unterschieden werden!

Rocko Schamoni: Wenn wir mit Studio Braun auf der Bühne stehen, dann haben wir das Publikum angezogen, und müssen auch dazu stehen. Da kann man nicht auf alberne Exklusivität bestehen.

tip: Lachst Du eigentlich noch über die gleichen Sachen wie früher?

Rocko Schamoni: Unterschiedlich. Erstaunlich finde ich, dass The Spinal Tap kein Stück verloren hat. Bei anderen Sachen geht’s mir nicht mehr so, Monty Python zum Beispiel, vielleicht ist es auch zu oft wiederholt worden. Mein eigener Humor hat sich dagegen professionalisiert, ich weiß genau, wie ich die Karten auf den Tisch legen muss.

tip: Ist ein bisschen unsexy, wenn man das selber kann und dann auch andere durchschaut, oder?

Rocko Schamoni: So ist das nun mal. Gehört zum Älterwerden. Toll ist, dass manche Dinge bestehen bleiben. Über Stan und Olly werde ich immer lachen.

tip: Ich wollte noch Christoph Twickels Buch „Gentrifidingsbums“ erwähnen, wenn hier schon mal ein Hamburger sitzt. Und zwar: Ich habe 1990 mal versucht, Neukölln zu gentrifizieren, bin für fünf Jahre an die Warthestraße gezogen. Es gab nicht einen einzigen Starbucks, als ich weggezogen bin. Was hab’ ich falsch gemacht?

Rocko Schamoni: Zu früh, zu wenig. Da müssen mehr kommen. Es gibt auch einen großen Unterschied. Alle, die in Hamburg zu wenig Geld hatten, sind nach Berlin gegangen, und die mit genug Geld auch! Hier ist nix mehr. Alles ausgeblutet.

tip: Und wieso gehst Du nicht?

Rocko Schamoni: Tu’ ich doch!

tip: Ja? Mit der Familie?

Rocko Schamoni: Ich weiß noch nicht. Ich werde mir das in den nächsten Monaten mal ernsthaft angucken, wir machen mit Studio Braun ja ein Stück am Deutschen Theater. Sind also mehrere Wochen da, und ich werde mich wirklich mal in Berlin umschauen. Hier in Hamburg ist so ein komischer Endpunkt erreicht. Vielleicht ist das ja auch nur für mich so… Es gibt eben nur eine Szene, nicht 15. Das andere ist dieser Erschlaffungseffekt. Diese ganzen Großevents interessieren einen nicht, und die kleineren Kulturschaffenden sind fast alle nach Berlin abgehauen. Wie in anderen Städten auch.

tip: Aber willst Du Hamburg dann nicht erst recht die Treue halten? Und nicht den Gentrifizierern überlassen?

Rocko Schamoni: Und wo bleib ich dann dabei?!

tip: Und Deine Tochter?!

Rocko Schamoni: Mal sehen, vielleicht gehe ich auch erst, wenn sie mit der Schule fertig ist. Aber ich langweile mich gerade in Hamburg. Und ich hab’ keine Lust, als Letzter hier Kultur zu machen.

tip: Ignorierst Du durch Wegziehen nicht das Problem?

Rocko Schamoni: Aber nicht ich als Künstler bin ja verantwortlich für die Hamburger Kulturpolitik, sondern die Politiker. Es gab eine einzige Reaktion auf den Künstlerwillen – der Rückkauf des Gängeviertels, das war beachtlich. Ansonsten ist das Gängeviertel ein Synonym dafür, wie es hier abläuft. Man kann sich ja auch keine Wohnung mehr leisten. Junge Leute müssen nach Wilhelmsburg ziehen. Ich bin seit 25 Jahren hier, es wird nicht spannender. Abgesehen davon will ich auch noch mal was erleben… andererseits ist Berlin eine echt hochenergetische Stadt. Und ein Typ wie ich zerplatzt dann schon mal an Drogen und Alkohol. In den letzten Jahren hat sich das allerdings ein bisschen gegeben bei mir. Beschämenderweise bin ich sogar schon mal um 23 Uhr im Hotel gelandet. Und das in Berlin!

tip: Ist schon ok. Im Hotel kann man fernsehen. Warum macht ihr denn eigentlich alle Theater: Du, Kamerun, Palminger? Und nicht Drehbücher?

Rocko Schamoni: Es wird ja den Studio-Braun-Kinofilm geben! Wir haben sieben Jahre dran geschrieben, mussten das auch erst mal lernen. Theater ist ganz pragmatisch die Auffangstelle für alle von uns, die zuviel wollen und zu wenig kriegen. Theater gibt Geld für Leute aus, die von der Öffentlichkeit nicht bezahlt werden.

tip: Es gibt ja auch jede Menge uncoole, hingebungsvolle Künstler, die mit ihrem kleinen Tanztheaterstück nicht ans Schauspielhaus dürfen… wo bleiben die denn?

Rocko Schamoni: Wir versuchen ja immer, die auch unterzubringen, wir hatten mal ’ne Schattenmalerin, oder einen Gospel-Chor, die konnten nicht gut singen, waren aber sehr lustig. Wir freuen uns über solche Leute, weil die in ihrer Kunst genauso fehlerhaft sind wie wir selber. Die Kons­tellation bringt uns Spaß.

Text: Jenni Zylka

Foto: Dorle Bahlberg

Lesung
Rocko Schamoni liest aus „Tag der geschlossenen Tür“ Deutsches Theater, Mi 16.2., 20 Uhr

Zur Person:
Rocko Schamoni wurde 1966 als Tobias Albrecht in Lütjenburg in der schleswig-holsteinischen Provinz geboren. Seine Jugend­erinnerungen hat er in dem Bestseller „Dorfpunks“ verarbeitet,  der auch in ein Bühnenstück um­gewandelt und verfilmt wurde. Schamoni brach die Schule ab, machte eine Töpferlehre und zog Anfang der 80er nach Hamburg, wo er zunächst als Musiker mit quengeligem Elektropop auf sich aufmerksam machte und sich zu einer der treibenden Kräfte der linksalternativen Hamburger Szene entwickelte. Er spielte die Hauptrolle in Henna Peschels Aussteiger-Tetralogie „Rollo Aller“, ist Mit­inhaber des Golden Pudel Club und gründete zusammen mit  Jacques Palminger und Heinz Strunk das Künstler-Kollektiv Studio Braun. Das Trio wurde mit bizarren Telefonstreichen bekannt und ist zurzeit mit der Produktion „Rust – ein deutscher Messias“ am Hamburger Schauspielhaus zu sehen.

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