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Die Freiheit von Zirkus trifft die Freiheit von Drag

Die runderneuerte Show „Carnivale Royale“ von House of Circus im Chamäleon vereint queere Ausdrucksstärke und zirzensische Klasse
Text: Tom Mustroph
Veröffentlicht am: 29.05.2026
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 © Camila Berrio

Zirkuskünstler sind Körperarbeiter. Und so kommen Nick van der Heyden und Germain Iconnee in der Büroetage des Chamäleon denn auch in eng anliegenden Muskelshirts – ganz so, als wären sie direkt von der Probe oder dem Training mal schnell reingehuscht in die administrativen Betriebsräume. Der gelernte Handstandartist van der Heyden und der als Trapezkünstler und Clown gleich doppelt begabte Iconnee bestreiten mit ihrer Compagnie House of Circus die Sommerspielzeit im Chamäleon. „Carnivale Royale“ ist eine ganz besondere Mischung aus Drag und zeitgenössischem Zirkus, in dieser Form und Konsequenz einzigartig auf dem Kontinent.

Angefangen hat alles auf Ibiza, in einer Art Restaurant-Show. „Eine Freundin von mir hatte ein Theaterrestaurant. Ich zeigte dort meine zeitgenössische Handstand-Nummer. Es gab aber auch ein Menü, eines mit Speisen und eines mit verschiedenen Charakteren. Mein Charakter dort war Lily, eine Prostituierte, meine erste Drag-Figur“, erzählt van der Heyden dem tip Berlin. Er improvisierte viel mit der Rolle. Und er fühlte eine neue Art von Freiheit, eine, die er im Zirkus längst verloren hatte: „Ich kam ursprünglich aus einem Umfeld, in dem ich so extravagant sein konnte, wie ich wollte. In der Zirkusschule und nach der Zirkusschule wollte ich aber erfolgreich und professionell sein.“ Das engte ihn dann auch ein, trotz all der neu erworbenen Fähigkeiten. „Als ich dann aber Drag probierte, spürte ich wieder: Alles ist möglich. Ich kann mich ausdrücken, wie es zu mir passt. Das gab mir einfach neue Energie.“

Ibiza war ein Game Changer. Van der Heyden erfand eine neue Figur: Eine Drag Queen, die Handstandakrobatik machte, in vollem Ornat natürlich. Das war schräg und schrill. Es brachte aber auch logistische Probleme mit sich. „Wir probierten das erstmals bei einem Festival in Frankreich aus. Du merktest dann aber eine Stunde vor der Show, dass es gar nicht möglich war, mit dem Korsett, das du anhattest, überhaupt einen Handstand zu machen“, erinnert sich Iconnee lachend. „Ja, ich war so eingepackt ins Korsett, in große Brüste und die Perücke, dass ich mich kaum nach vorne beugen konnte“, bestätigt van der Heyden und muss ebenfalls lachen.

Queere Zirkusleute seien meist nur der pinke Punkt in der Farbskala gewesen, sagt Handstandartist Nick van der Heyden

Die Lösung war, das Ganze in die Show zu integrieren, als eine Transformationsnummer. Brüste, Perücke und Korsett abnehmen, um wieder beweglich zu werden. Oder auch umgekehrt sich vom Akrobaten Schicht für Schicht in eine schillernde Drag Queen verwandeln, mit Brüsten manchmal so groß wie Basketbälle. Auch Iconnee entwickelte eine Drag Queen. „Sie ist richtig heiß, super sexy, aber auch etwas ungeschickt“, beschreibt er sie. In der Show agiert sie als Bühnentechniker, als Gegenpart zur Moderatorenfigur von van der Heyden. Iconnee bringt in seine Techniker-Drag Queen Elemente einer Clownsfigur ein. Für ihn passt diese Hybride bestens. Verkleidung spielt schließlich bei beiden Figuren eine große Rolle. „Ich bin auch mehr der zeitgenössische Clown, der eine größere Bandbreite an Emotionen erzeugt als nur Lachen.“

Die beiden Gründer von House of Circus kreieren mit ihren Figuren eine künstlerische Heimat auch für andere queere Zirkusleute. „Wir merkten, dass es eine Menge von ihnen gibt, aber sie hatten sich immer irgendwie einzufügen in eine Show, waren oft nur die Ergänzung, der pinke Punkt in der Farbskala. Wir wollten aber, dass sie, dass wir, das volle Potenzial entfalten können. So entstand ‚Carnivale Royale‘“, erklärt van der Heyden das Anliegen.

In die Show integrieren sie regelmäßig Menschen aus der lokalen queeren Zirkusszene. Aus Berlin ist der Peitsche knallende Boy-Lesque Leo Garbo dabei, der außerdem noch ans Vertikalseil geht und Hula-Hoop-Reifen den Körper entlanggleiten lässt. Diana Salles, preisgekrönt bei Festivals unter anderem in Paris, Madrid und Amsterdam, geht ans Vertikaltuch, Lisa Chudalla brilliert als Schwertschluckerin, Sergi Szollensky ist Hairhanging-Experte und Drag Queen.

„Carnivale Royale“ war bereits beim Berlin Circus Festival zu sehen

Wer „Carnivale Royale“ bereits beim Berlin Circus Festival gesehen hat – und davon begeistert war, es war eines der Lieblingsstücke des Publikums – darf sich jetzt auf eine runderneuerte, der Bühnensituation des Chamäleons angepasste Show freuen. „Wir entwickelten die Show dahin, dass sie mehr wie aus einem Guss wirkt, ihren zeitgenössischen Cabaret-Stil aber behält“, beschreibt Iconnee den Ansatz. Neu dabei sind zudem die einstige Raumfahrtingenieurin und jetzige Poledancerin Mel Lee und die Berliner Luftakrobatin Anna Shvedkova. Die Compagnie House of Circus und ihre Show konnten sich aber auch nur deshalb so konsequent zu einer Mischung aus Drag und Zirkus entwickeln, weil es in den heimischen Niederlanden exzellente Residenzmöglichkeiten für zeitgenössischen Zirkus gibt. Die Produktionsplattform TENT etwa, die auch House of Circus unterstützt, bietet bis zu vierjährige Förder- und Weiterbildungsprogramme. Das ist nachahmenswert, gerade für Berliner Verhältnisse.

Chamäleon Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40/ 41, Mitte, 4.6.–2.8., 24–46 €, mehr Infos


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