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Komödie als Chance: „Die Physiker“ im Deutschen Theater

Atombombe und KI am Deutschen Theater: In „Die Physiker“ spielt Ulrich Matthes die Chefin des Sanatoriums, die von der Weltherrschaft träumt
Text: Irene Bazinger
Veröffentlicht am: 26.03.2026
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Anja Schneider, Mareike Beykirch und Carmen Steinert (v.l.n.r.) spielen die Physiker im gleichnamigen Stück. Foto: Eike Walkenhorst 

Man stelle sich vor, da ist eine nicht mehr ganz junge Person, die der Öffentlichkeit verkündet: „Mein Trust wird herrschen, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren.“ In Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ ist dies die Ärztin Mathilde von Zahnd, 55 Jahre alt und Leiterin einer Nervenklinik. Die zweiaktige Komödie wurde 1962 in Zürich uraufgeführt. Ersetzt man die Andromedagalaxie etwa durch Grönland und die Ärztin durch eine zweifelhafte Person mit von Bräunungscreme verfärbtem Gesicht, sind wir mitten in der Gegenwart gelandet. Aber das ist nur der eine Aspekt, der dieses Werk fern jeder Schullektüren-Patina höchst brisant erscheinen lässt. Der andere ist das Verhältnis von Theorie und Praxis. „Das Stück stellt wirklich die allergrößten Fragen. Wie geht die Wissenschaft mit ihrer Verantwortung gegenüber der Menschheit um?

Das bezog sich in den 1960er-Jahren auf Atomwaffen. Inzwischen ist die Künstliche Intelligenz das Hauptproblem“, so Ulrich Matthes, der Star des Deutschen Theaters und in Sachen „Die Physiker“ bestens im Stoff: „Mittlerweile sagen ja die ausgewiesenen KI-Experten, dass wir schleunigst die Frage beantworten müssen, wie weit wir der KI die Macht überlassen wollen. Sonst ist es bald vorbei mit unserer Selbstbestimmung und Freiheit.“ Leidenschaftlich ereifert sich Matthes darüber, dass es eben nicht genügt, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen und sich im Übrigen um nichts zu kümmern, wenn man seine Verantwortung als Staatsbürger:in wahrnehmen will: „Man muss sich doch politisch engagieren angesichts dessen, was in unserem Land und in der Welt passiert.“

Ulrich Matthes freut sich darauf, in „Die Physiker“ erstmals eine Frau zu spielen

Verantwortung ist ein Begriff, der den wachen und streitbaren Demokraten umtreibt, und so eröffnet er in unserem Gespräch auch den Zugang zu Dürrenmatts Stück. Denn darin hat der Physiker Möbius etliche Entdeckungen gemacht und eine „Weltformel“ entwickelt. Er weiß natürlich, dass man sie für schlimme Dinge benutzen wird, für die er die Verantwortung nicht tragen kann: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Deshalb simuliert er Wahnsinn und lässt sich in die Klinik einweisen. Dort wird Möbius von Agenten konkurrierender Geheimdienste umgarnt, die sich Einstein und Newton nennen, ebenso wenig geisteskrank sind wie er und seine Erkenntnisse rauben wollen. Aber die drei haben Mathilde von Zahnd vergessen …

Ulrich Matthes „Die Physiker“
Ulrich Matthes übernimmt in „Die Physiker“ die Rolle der Ärztin Mathilde von Zahnd. Foto: Matthes Ulrich / Privat

Der Regisseur Bastian Kraft hat die Physiker mit Frauen besetzt und die Ärztin mit Ulrich Matthes, der sich mit komödiantischer Lust darauf freut, erstmals eine Frau spielen zu können. Die Geschlechterwechsel nahm Kraft freilich nicht seinetwegen vor, sondern weil er laut Matthes das Gefühl hatte, „das Stück ein bisschen von seinem subkutanen Sexismus erlösen zu müssen. Da werden Krankenschwestern umgebracht, und die Täter sind kluge, verantwortungsvolle Männer. Die Frauen hingegen sind entweder Opfer oder, wie Mathilde, eine ‚alte, bucklige Jungfrau‘.“ Wie geht er an eine solche Rolle heran? Hat er zur Vorbereitung schon in Pumps vor dem Spiegel geübt? „Um Gottes willen“, jault Matthes auf, „das habe ich in meinem ganzen Leben noch nie getan! Ich gucke mich im Spiegel höchstens beim Zähneputzen an! Wenn ich mich bei einer Filmpremiere riesig auf der Leinwand sehen muss, kostet mich das eine enorme Überwindung. Im Rahmen einer Rolle stelle ich mich bestimmt nicht vor einen Spiegel. Im Gegenteil – ich spiele von innen nach außen.“

„Manchmal denke ich, man kann die Wirklichkeit gar nicht anders als Komödie fassen“

Das heißt, dass er sich seinen Figuren mit psychologischem Realismus nähert – er will verstehen, was sie umtreibt und wie sie zu dem geworden sind, was sie sind. Er muss Dingen wie Figuren auf den Grund gehen, um sie darstellen zu können. Auf diese Art sind ihm die tollsten Gestaltungen gelungen, ob an den Münchner Kammerspielen, der Schaubühne oder seit 2004 am Deutschen Theater, zuletzt in „Der Fall McNeal“, in dem der KI zentrale Bedeutung zukommt. Mit Bastian Kraft hat er bereits mehrfach gearbeitet und schätzt an diesem Regisseur, dass er die Stücke, denen er sich widmet, erst einmal absolut respektiert und sie Satz für Satz, Szene für Szene studiert.

Diese inhaltlichen Tiefenbohrungen bevorzugt auch Ulrich Matthes. Dabei ist es ihm nicht unrecht, wenn die Aufführungen lustig werden, er hat nichts gegen ihre Unterhaltsamkeit: „Sobald das Zwerchfell bei den Zuschauer:innen zu wackeln anfängt, werden im Gehirn andere Regionen angeregt als bei einer Tragödie. Lachen kann das Denken fördern.“ Insofern vertraut er der heiteren Dimension der „Physiker“, um das Publikum zu erreichen und möglicherweise ein bisschen aufzuwecken: „Im Gewand der Komödie kann man all die hochpolitischen Themen auf eine leichte, offene Art behandeln. Es ist ja dermaßen grotesk, was da passiert. Manchmal denke ich, man kann die Wirklichkeit gar nicht anders fassen.“

Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und entschlossen, sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen, wird er seine erste Frauenrolle so ernst wie möglich nehmen, und so spaßig wie nötig. Vielleicht mit Faltenrock, sicher ohne Buckel, unbedingt mit Grips.

Deutsches Theater Bühne Schumannstr. 13A, Mitte, Fr 24.4. 19.30 Uhr (Premiere), Mo 27.4. 19.30 Uhr, 8–59 €, Schüler/Studenten 10 €, Tickets hier


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