So viel Lametta!

Die Welt muss bunter und fröhlicher gewesen sein, als in den 1970er-Jahren die Disco-Ära gefeiert wurde. Und mehr Lametta hatte sie auch, das heißt: Pailletten! Glitter! Strass! Entspannungspolitik, kein Aids, und öffentliches Geld war sowieso genug da. Wer das nicht aus dem Kino kennt, kann‘s nun im Wintergarten Varieté nachholen. Die aktuelle Show „Disco“ ist eine übermütige Zeitreise mit viel orchestral-grooviger Musik und richtigen Ohrwürmern – von „Daddy Cool“ über „Love is in the air“ und „It’s raining men“ bis „Dancing Queen“. Die werden live von ein paar Musikern gespielt, die Spaß daran haben, die Oldies aus heutiger Sicht neu zu interpretieren. Manche Begleitungen kommen vom Band, während die australische Trapezkünstlerin Elli Huber selbst singt.
22 Akrobat:innen aus dreizehn Ländern begeistern bei „Disco“ im Wintergarten
Ganz frisch und direkt sind dann natürlich die 22 unglaublich tollen Akrobat:innen aus dreizehn Ländern, die in „Disco“ mit originellen und fabelhaften Nummern glänzen. Wie der Äthiopier Natnael Tamene, der mit einer sechs Meter hohen Leiter atemberaubende Dinge anstellt, von denen man nicht wusste, dass sie überhaupt möglich sind. Aleksey Teslin aus Russland macht mit sanduhrähnlichen Gefäßen in der Disziplin „Diabolo“ verrückte Übungen und Grindings und Faxen. Bälle sind auch dabei, am triumphalsten bei Selyna Bogino aus Italien, die, auf dem Rücken liegend, mit unfassbarer Geschwindigkeit mehrere in der Luft hält – Fußball total! Außerdem zu bewundern: Artistik auf Rollschuhen, halsbrecherische Kopfsprünge an Bungee-Bändern, Schlangengymnastik wie von Wesen ohne alle Knochen, Trapezeinlagen jenseits der Schwerkraft und der undurchsichtige Mario Berousek, der wie Falco aussieht und seine silbernen Keulen im Affentempo fliegen lassen und wieder einfangen kann.
Für ruhigere Passagen sorgen stilsicher Oleksii und Zlata aus der Ukraine, die als balletthaftes Hand-auf-Hand-Duo einige Jahre zum Ensemble des Cirque du Soleil gehörten. Es ist staunenswerter Hochleistungssport, der in „Disco“ in Hülle und Fülle gezeigt wird, aber er wirkt bei aller Arbeit, Disziplin und Schinderei, die dahinter stecken, auf der Bühne federleicht und mühelos.
„Disco“ ist ein großer Spaß, der beste Laune garantiert
Regie führen bei diesem rundum gelungenen Programm Rodrigue Funke, der künstlerische Leiter und stellvertretende Intendant des Wintergartens, und Rachel Dowse, Moderatorin und Host des Abends. Sie schafft es, in einen blauen Luftballon hineinzuschlüpfen, ohne dass etwas Schlimmes passiert, und tanzt beschwingt mit den sieben Disco Dancers, die bis in die Fingerspitzen alles draufhaben, was damals – „Saturday Night Fever“! – so in den Diskotheken stattfand. Die Musik macht es einfach, in diese längst verschwundenen Partyjahre einzusteigen, und die Tänzer laden das Publikum ein, mit ihnen vergnügt in die Vergangenheit zurückzuswitchen. Es ist ein großer Spaß, der zwar nicht ganz billig ist, jedoch beste Laune garantiert.
„Disco“ im Wintergarten: Fotos von den Acts
Und wenn man Glück hat, kommen vor Beginn der Show oder in der Pause Sabrine Sall oder Ully Loup an den Tisch und lassen einen mit ihren Zaubereien wirklich an seinem Verstand zweifeln, so raffiniert sind ihre Tricks. Alles passt hier inspiriert und hinreißend zusammen. Und es ist eine Freude, dass es in Berlin Orte wie den Wintergarten gibt, wo sich die unterschiedlichsten Menschen – Disco forever! – ungestresst miteinander amüsieren können.











