Bar jeder Vernunft und Tipi: So geht es nach dem Tod von Holger Klotzbach weiter

Lieber Herr Schmidt-Mohan, wie ist es so, wenn man plötzlich der Eigentümer von zwei Kulturzelten geworden ist?
In meiner Lebenslage passieren jetzt gerade viele Veränderungen. Sie wissen ja, dass mein Mann Holger Klotzbach Ende Januar verstorben ist. Er hat die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt gegründet und geleitet. Wir kannten uns seit 2008 und waren seit 2021 miteinander verheiratet. Ich bin bereits seit einiger Zeit Geschäftsführer der Bar jeder Vernunft und des Tipi, war aber in viele Belange noch nicht eingebunden, weil mein Mann die selbst gemacht hat. Er hat große Fußstapfen hinterlassen. Und jetzt muss ich meinen eigenen Weg gehen, zusammen mit den anderen beiden Geschäftsführern Lutz Petrick und Tom Ernst.
Wird es eine programmatische Neuausrichtung geben?
Nein, ich bin nicht der Meinung, dass ich alles auf den Kopf stellen muss. 2027 feiern wir ein Doppeljubiläum, 35 Jahre Bar, 25 Jahre Tipi. Das ist eine riesige Erfolgsgeschichte und die basiert darauf, dass sehr viel, wenn nicht das Allermeiste, richtig und gut gemacht wurde und wird. Zu dem Konzept, das dies ermöglicht hat, und zu der Vision der beiden Häuser stehe ich absolut. Die künstlerische Ausrichtung, das gesellschaftliche und politische Engagement sind total richtig und wichtig. Da gibt es grundsätzlich nichts nachzujustieren, weil es da in meinen Augen keinerlei Versäumnisse gibt.
So kam Eric Schmidt-Mohan dazu, die Hausdame Marlene zu spielen
Beide Häuser sind bekannt und beliebt, aber die Gründerinnen und Gründer gehen auf das Rentenalter zu oder haben es längst erreicht. Müsste da nicht bald ein Generationenwechsel kommen?
Das könnte man so sagen und meine Aufgabe liegt ganz stark darin, mit dem vorhandenen Team und den Strukturen, die wir haben, das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Tatsächlich sind viele hier immer noch leidenschaftliche Kämpfer:innen, aber eben bereits oder bald im Rentenalter. Das betrifft auch die Künstler:innen, die bei uns ihre Karriere begonnen oder ausgebaut haben, die uns immer noch verbunden sind, teilweise exklusiv. Das heißt, wenn sie im Berliner Raum spielen, treten sie nur bei uns auf, und das seit 30 Jahren. Einerseits wollen wir diese Stars behalten, andererseits schauen wir uns nach jungen Künstler:innen um, die wir behutsam aufbauen und unterstützen, auch wenn sie am Anfang noch nicht den ganzen Saal füllen können. Da arbeite ich eng mit der künstlerischen Leitung zusammen, also mit dem Mitbegründer Lutz Deisinger und mit Franziska Kessler. Ich unterstütze sie, wo ich kann und wo ich gebeten werde und gebe gern meinen Senf dazu. Wir haben einen offenen Austausch und sehr flache Hierarchien. Das wird natürlich weiter so bleiben.

Die Bar und das Tipi sind rein privatwirtschaftlich finanziert und bekommen keine Subventionen. Wie sehr müssen Sie den Erfolg einkalkulieren, wie viele Flops können Sie sich leisten?
Unendlich viele, würde ich sagen, das Prinzip Trial and Error gehört einfach zu unserem Job. Wir genießen die große Freiheit, nicht von öffentlichen Geldern abhängig zu sein. Die nutzen wir für Experimente und für Produktionen, von denen wir selbst nicht wissen, wie sie ausgehen werden. Im schlimmsten Fall sagt irgendwann die Bank, jetzt reicht’s, aber an dem Punkt sind wir noch lange nicht, wir schreiben derzeit eine schwarze Null. „Die Kunst kommt immer zuerst.“: Das war eine der wichtigsten Aussagen meines Mannes. Wir wollen unseren Gästen ein ganzheitliches Erlebnis bieten, deshalb legen wir Wert auf eine gepflegte Gastronomie, und die Künstler:innen sollen sich bei uns natürlich auch wohl fühlen, deshalb stehen in den Garderoben immer frische Blumen, Snacks, Obstteller. Die Kunst steht bei uns immer an erster Stelle und das bedeutet auch, dass wir uns um die arrivierten Leute ebenso wie um den Nachwuchs kümmern. Wir haben, möchte ich sagen, ganz klar einen Bildungsauftrag – sowohl in Bezug auf unser Publikum, das wir immer wieder auf neue Acts aufmerksam und neugierig machen wollen, aber auch in Bezug auf die Künstler:innen, denen wir einen Raum bieten, um sich auszuprobieren. Ein gutes Programm kann nämlich nur vor Publikum entstehen, um herauszufinden, wie man die Spannung hält, wann es Lacher gibt, wo eine Pause gemacht werden muss.
Seit Holgers Tod werde ich oft gefragt, wie es mir geht, und ich habe mich vor einiger Zeit entschieden, einsilbig zu antworten und zu sagen: Weiter!
Eric Schmidt-Mohan
Und was ist man, wenn man als Unterhaltungskünstler:in die Ausbildung bei Ihnen abgeschlossen hat? Welches Diplom hat man dann in der Tasche?
Dann ist man hoffentlich überzeugt, dass man diesen Beruf lebenslang als Berufung ausüben möchte – und am besten in unseren Häusern.
Sie selbst treten regelmäßig als Hausdame Marlene auf, eine so charmante wie unübersehbare Drag Queen mit mehr als zwei Metern Körpergröße, High Heels und gern im Pailletten-Fummel. Sie begrüßt die Gäste und kümmert sich um deren Wohl. Bleibt’s dabei?
Holger hat sich diese Figur gewünscht, als er irgendwann nicht mehr jeden Abend den Grüßaugust geben und die Shows anmoderieren wollte. Ich spiele die Marlene gern, werde das auch weiterhin tun, es macht großen Spaß, viele Leute lieben sie. Welches andere Theater kann schon eine Hausdame bieten? Inzwischen ist sie unser Maskottchen und ganz selbstverständlich präsent, egal, ob die CDU bei uns Weihnachten oder ein Start-Up-Unternehmen einen neuen Auftrag feiert.

Durch die Nähe zum Kanzleramt mieten sich bei Ihnen vermutlich oft politische Parteien für Festivitäten ein. Passt das zur multikulturellen, liberalen, queeren Ausrichtung des Tipi?
Solche Vermietungen tragen zu unseren Einnahmen bei, wie auch Firmenveranstaltungen, Preisverleihungen, Branchentreffen. Die Parteien sind uns als direkte Nachbarschaft willkommen, ausgenommen die AfD, deren hartnäckige Anfragen – oft versteckt hinter diversen Agenturen – wir kategorisch ablehnen. Wir respektieren auch Friedrich Merz, er ist ja frei gewählt worden, aber als er 2025 sagte, dass der Bundestag kein Zirkuszelt ist und deshalb zum Christopher Street Day keine Regenbogenfahne aufgehängt wird, habe ich eigenhändig als Marlene eine Fahne zum Pride Month auf dem Tipi gehisst, um – als Zirkuszelt! – politische Präsenz und Verantwortung zu zeigen. Seitdem zitiere ich gern eine Formulierung von Gustav Peter Wöhler, der regelmäßig bei uns auftritt, und zwar im, wie er sagt, „Tipi am Kanzlerzelt“.
Das Tipi am Kanzleramt steht unweit eines historisch brisanten Ortes. Eric-Schmidt-Mohan wünscht sich mehr Würdigung
Zur politischen Haltung gehört für Sie auch, dass Sie den historischen Ort würdigen, an dem sich das Tipi befindet, und konsequent darauf hinweisen, dass die Demokratie verteidigt werden muss.
Ich würde mir wünschen, dass das Tipi am Kanzleramt als eine Form von Gesellschaftsspiegel wahrgenommen wird, gerade an diesem Ort, in dessen unmittelbarer Nähe Magnus Hirschfelds „Institut für Sexualwissenschaft“ stand, das die Nationalsozialisten 1933 zerstörten. Und hier befand sich auch die Kroll-Oper, in der die Demokratie in Deutschland mit dem Ermächtigungsgesetz im März 1933 abgeschafft wurde, weil es die Gewaltenteilung aufhob – 50 Meter neben unserem Kassenhäuschen! Deshalb machen wir nicht nur Unterhaltungsprogramme, sondern auch Buchvorstellungen oder Veranstaltungen wie den politischen radioeins Kommentatoren-Talk im Tipi. Unsere Eigenproduktion „Cabaret“ zeigen wir auch für Schulklassen, damit sie durch dieses Musical die Zeit des aufkommenden Faschismus begreifen. Das kostet pro Nase sieben Euro fünfzig, den Rest bezahlen wir, weil wir dieses Projekt – Stichwort Bildungsauftrag! – überaus wichtig finden.
Sie haben viel zu tun, Sie haben neue Aufgaben, neue Verantwortlichkeiten auch für die 180 Mitarbeitenden in beiden Häusern – bleibt noch Zeit für die Trauer?
Seit Holgers Tod werde ich oft gefragt, wie es mir geht, und ich habe mich vor einiger Zeit entschieden, einsilbig zu antworten und zu sagen: Weiter! Es geht weiter. Denn bei aller Trauer ist es der Blick in die Zukunft, der mir hilft. Mein Mann wird immer ein ganz wichtiger Teil meines Lebens bleiben. Der Altersunterschied von 28 Jahren ließ natürlich befürchten, dass ich ihn überleben würde, aber Holgers Tod hat mich trotzdem zutiefst erschüttert. Fluch und Segen beim Bewältigen dieses Abschieds ist eben, dass Holger immer da ist, ob zu Hause oder bei der Arbeit. Wie Otto Sander hat er jetzt am Tresen der Bar jeder Vernunft eine kleine Messingplakette, die berühre ich immer mit dem Daumen, wenn ich zum Dienst komme, und sage: „Guten Abend, mein Schatz.“ Er hat mich gebeten, gut auf die Zelte aufzupassen und sie voranzubringen, und das versuche ich nach Kräften. Ich will ein richtig guter Theaterdirektor werden, damit alle möglichst lange viel Spaß bei uns haben und sagen, hier feiern wir das Leben und eine lebendige Demokratie und die Vielfalt der Welt.
Zur Person
Eric Schmidt-Mohan wurde 1974 in Berlin geboren. Bei Vidal Sassoon absolvierte er eine Ausbildung zum Friseur, in London und Frankfurt am Main zum Maskenbildner, später studierte er noch Kommunikationsmanagement. Seit 2013 gibt er die Hausdame Marlene im Tipi am Kanzleramt und in der Bar jeder Vernunft. Nach dem Tod von Holger Klotzbach im Januar 2026, mit dem er seit 2021 verheiratet war, wurde er dessen Nachfolger als Geschäftsführer und Eigentümer dieser Kulturzelte. Bei Wiederaufnahmen betreut er überdies die hauseigenen Produktionen wie „Cabaret“, „La Cage aux Folles“, „Die Bettwurst“ und „Frau Luna“.